Obdachlose Menschen in Hamburg sollen ihren Nachlass künftig kostenlos digital ordnen können. Vier Organisationen stellten das Projekt „Straßennachlass“ am 5. August vor.
Nach eigenen Angaben ist es die erste digitale Vorsorgeplattform für obdach- und wohnungslose Menschen in Deutschland. Sie schließt eine Lücke, die erst nach einem Todesfall sichtbar wird. Wer keine Wohnung hat, hat auch keinen sicheren Ort für Papiere, Kontakte und letzte Wünsche.
„Die Würde endet nicht mit dem Verlust einer Wohnung“, sagte Gerardo Köpke, Leiter des Hamburger Vereins Gabenzaun, bei der Vorstellung. Getragen wird das Projekt von Gabenzaun, der Straßenhilfe Hamburg, den Hoffnungsorten Hamburg und dem Lüneburger Start-up Chronuu, das digitale Nachlassverwaltung anbietet.
Der Ablauf ist schlicht. Betroffene registrieren sich online, mit dem eigenen Handy oder mit Hilfe einer Beratungsstelle. Anhand eines Fragenkatalogs hinterlegen sie Dokumente, Erinnerungen und Botschaften an Angehörige. Sie benennen eine Vertrauensperson, die als Einzige Zugriff auf die Daten bekommt. Diese Person kann später Angehörige benachrichtigen und die letzten Wünsche weitergeben.
Der Fragenkatalog stammt nicht vom Schreibtisch. Wohnungslose, die beim Verein Gabenzaun Hilfe gesucht hatten, haben daran mitgearbeitet, berichtet die taz. Er greift auf, was auf der Straße wirklich zählt: Was soll mit dem Hund geschehen? Wo liegt das Testament, wenn man es nicht bei sich trägt? Welchem Angehörigen soll eine Nachricht zugehen, obwohl der Kontakt abgebrochen ist?
Ergänzt wird das Portal durch ein Armband mit Chip. Rettungskräfte, Polizei und Hilfsdienste können darüber im Notfall auf hinterlegte Kontakte zugreifen und die Vertrauensperson informieren. „Auf der Straße werden wichtige Dokumente schnell nass oder sie gehen verloren“, sagte Volker Kruse von Chronuu. „Oft weiß man bei Verstorbenen gar nicht, wie die Person hieß oder ob sie Angehörige hatte.“
Wie dringend das ist, zeigt eine Zahl der taz: Allein im vergangenen Winter starben in Hamburg 18 obdachlose Menschen. Ohne Papiere endet ein Leben schnell als Aktenvermerk.
Kruse betont, dass hinter der Plattform kein Geschäftsmodell steht. Es handele sich um ein soziales Projekt, mit dem niemand Gewinn machen wolle. Die Nutzung soll für Betroffene kostenfrei bleiben.
Genau daran hängt der Start. Drei Monate nach der Vorstellung soll die Plattform laufen. Dafür fehlen dem Projekt noch 50.000 Euro an Spenden.