Die Wohnungsbau-Genossenschaft Altmark (WBGA) lässt in Stendal einen leerstehenden Plattenbau nicht abreißen, sondern von oben her zurückbauen. Aus 80 leeren Wohnungen an der Albrecht-Dürer-Straße sollen 30 Wohneinheiten werden, jede mit eigenem Eingang und eigenem Garten.

Das Projekt heißt „Einfamilienhaus-Haus“ und gilt als bundesweit einmalig. Es zielt auf einen Widerspruch, den viele ostdeutsche Städte kennen. Wohnungen stehen leer, gleichzeitig fehlt Bauland für Einfamilienhäuser. Allein in Stendal wurden zwischen 2000 und 2013 mehr als 6.000 Wohnungen abgerissen, darunter der komplette Stadtteil Stendal-Süd, berichtet der „Standard“.

Auf diesen Widerspruch stieß der Berliner Architekt Jurek Brüggen durch zwei Zufälle. Eine Zugverspätung strandete ihn nachts in der Kleinstadt, wo er reihenweise Blöcke des Typs WBS 70 sah. Kurz darauf las er in der Lokalzeitung „Volksstimme“ von fehlendem Bauland. „Das ist doch absurd, erst alles abzureißen und zu versiegeln, um am Ende wenige Einfamilienhäuser zu bauen“, sagte Brüggen dem Fachmagazin „Architektur Aktuell“.

Seine Antwort kehrt die Logik der Platte um. Plattenbauten entstanden aus vorgefertigten Betonteilen von unten nach oben. Nun wird das Gebäude von oben her teilweise abgetragen, sodass terrassierte Ebenen entstehen. Die herausgenommenen Deckenplatten wandern nicht in den Bauschutt. Sie dienen als zusätzliche tragende Schicht und ermöglichen Gärten auf den Dächern der jeweils darunterliegenden Häuser.

Eine Statik ohne Reserven

Technisch ist das anspruchsvoll. Plattenbauten besitzen praktisch keine Lastreserven, betonen die Berliner Ingenieure von EiSat gegenüber dem Fachdienst „BauNetz“. Schwere Bodenbeläge müssen deshalb leichteren weichen. Ringanker übernehmen dort Tragfunktionen, wo zuvor Deckenplatten lagen. Weil zwei senkrechte Einschnitte den Riegel komplett durchtrennen, greift der Wind stärker an. Die alten Treppenhäuser bekommen dafür eine zusätzliche Wand.

Diese Einschnitte erschließen das Gebäude neu. Brüggen beschreibt sie als vertikale Verlängerung der Quartiersstraße, mit Vorgärten und offenen Plätzen vor den Türen. Niemand soll später durch ein Treppenhaus zu seiner Wohnung gehen. Die Häuser messen zwischen 32 und 159 Quadratmetern und haben ein bis sechs Zimmer. In jedem wird eine Deckenplatte entfernt, damit ein überhoher Raum entsteht.

Die Genossenschaft hat dem Architekturbüro eine Bedingung gestellt. Nettokaltmieten unter zehn Euro je Quadratmeter müssen möglich bleiben. WBGA-Vorstand Lars Schirmer bleibt nüchtern: „Es wird immer ein Kompromiss sein.“

Finanziert wurde der Rückbau ausgerechnet aus der Städtebauförderung, die sonst Abrisse bezahlt. Er ist weitgehend abgeschlossen, die Ausführungsplanung dagegen noch nicht beauftragt. Für die Finanzierung des Umbaus sucht die WBGA eine neue Dachgenossenschaft und einen Investor. Zwei weitere Plattenbauten in Stendal-Stadtsee will sie ebenfalls erhalten.