Die Hain-Bänderschnecke produziert nicht einen Schleim, sondern fünf. Jeder erfüllt eine andere Aufgabe. Ein Team des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam hat die Sekrete einzeln gesammelt und untersucht. Die Ergebnisse stehen im Fachjournal Science.
Im Garten fällt vor allem die Spur auf. Auf dem Gleitschleim bewegt sich das Tier fort. Mit dem Haftschleim verankert es den Rand seines Hauses an einer Oberfläche. Wird es gestört, gibt es entweder einen gelben, klebrigen Schleim ab oder eine Masse feiner Blasen. Für die Winterruhe verschließt es die Schale mit dem Epiphragma, einer mineralisierten Schicht.
Die Zusammensetzung überraschte die Forschenden. „Die Ergebnisse der Proteomanalyse haben uns sehr überrascht, weil die Zusammensetzung überall so ähnlich war, obwohl die Schleime völlig unterschiedlich aussehen und sich völlig unterschiedlich verhalten", sagte Franziska Jehle dem Fachmagazin Chemical & Engineering News. Die Biomaterialforscherin leitete die Studie.
Alle fünf Typen bestehen überwiegend aus Wasser, Glykoproteinen und komplexen Kohlenhydraten. Als tragendes Strukturelement identifizierte das Team Kollagen VI. Der Unterschied liegt in der Menge. Der gelbe Abwehrschleim enthält rund vier Prozent Protein, der schaumige nur 0,6 Prozent, berichtet wissenschaft.de. Für den Gleitschleim nennt Chemical & Engineering News etwa 0,3 Prozent. Vom Proteingehalt hängt ab, wie das Material auf Scherkräfte reagiert.
Der zweite Stellhebel ist Calcium. Die Schnecke lagert es als amorphes Calciumcarbonat in ihren Drüsen und scheidet es zusammen mit dem Schleim aus. Im feuchten Schleim liefert es Ionen, die das Proteinnetz vernetzen. Im Epiphragma dient es als Vorstufe von Calcit. Diese kristalline Form wies das Team mit Röntgenbeugung nach. Den höchsten Calciumanteil enthält der Schutzschleim.
Auch die Verarbeitung prägt das Material. Gelber und schaumiger Abwehrschleim ähneln sich chemisch, unterscheiden sich aber im Aufbau. Der gelbe ist faserig, im Schaum lagert sich das Kollagen um die Blasen. Den Schaum erzeugt die Schnecke, indem sie Luft durch ihre Atemöffnung drückt.
Aravind Madhyastha vom Ashoka Trust for Research in Ecology and the Environment war an der Studie nicht beteiligt. Er hält das Epiphragma für den bemerkenswertesten Teil. Aus etwas Weichem und Schleimigem entstehe eine mineralisierte Barriere, die das Tier durch Trockenheit oder Kälte bringt.
Ob daraus einmal Material für den Menschen wird, ist offen. Die Forschenden nennen Klebstoffe, Wundauflagen und Trägerstoffe für Medikamente. Der Nachweis fehlt bislang, dass sich das feine Zusammenspiel von Calcium und Protein außerhalb der Schnecke nachbauen lässt.
