Um neun Uhr morgens zeigt das Thermometer im Münchner Stadtteil Berg am Laim bereits 29 Grad. Markus Striese vom Verein München Aktiv für Gesundheit hält ein Oberflächenthermometer auf den Asphalt: 35 Grad im Schatten, 42 Grad in der Sonne. Die Differenz von sieben Grad auf wenigen Metern ist der Grund, warum in deutschen Städten gerade an einer eigentümlichen Infrastruktur gearbeitet wird – an Karten des Schattens.

Strieses Verein hat dafür die Web-Anwendung "Hitzefrei" entwickelt. Wer Start und Ziel eingibt, bekommt nicht die kürzeste, sondern die schattigste Route: Die Software berechnet aus Gebäudedaten und Sonnenstand, wo zur jeweiligen Tageszeit Schatten fällt. Eingezeichnet sind außerdem kühle Orte wie Kirchen, schattige Bänke, Trinkwasserbrunnen und Toiletten. Der Weg wird dadurch mitunter länger – aber erträglicher.

Von der Vereinsidee zur Stadtverwaltung

Was als Projekt eines Gesundheitsvereins begann, ist inzwischen auch amtlich. Das Münchner Gesundheitsreferat hat gemeinsam mit dem Kommunalreferat eine interaktive Karte kühler Orte veröffentlicht: Parkanlagen und Grünflächen, die Badeseen der Stadt, öffentlich zugängliche kühle Innenräume, dazu Trinkbrunnen und Toilettenanlagen mit Wasserspendern. Sie ist Teil des städtischen Hitzeschutzkonzepts und wird laufend erweitert.

Der Adressatenkreis ist dabei präzise gewählt: Die Karte richtet sich ausdrücklich an Menschen, die zu Fuß, mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind – also an jene, die der Hitze am wenigsten ausweichen können. Wer im klimatisierten Auto sitzt, braucht keine Schattenroute.

Ergänzend gibt es frei verfügbare Werkzeuge, die nicht an eine einzelne Stadt gebunden sind. Die Web-Anwendungen Shadowmap und ShadeMap stellen den Sonnenverlauf als Karte dar und zeigen, welche Straßen, Höfe und Parkabschnitte zu welcher Uhrzeit im Schatten liegen; ShadeMap gibt zusätzlich an, wie viele Stunden Sonne oder Schatten ein Ort im Tages- und Jahresverlauf bekommt.

Keines dieser Werkzeuge kühlt eine Stadt ab. Sie machen aber sichtbar, was ohnehin schon da ist – und liefern nebenbei das Argument für den nächsten Schritt. Denn wo eine Karte lauter Lücken zeigt, fehlen Bäume, Verschattung und Grünflächen. "Das zeigt, dass wir mehr Grünflächen und mehr Verschattung in der Stadt brauchen", sagt Striese. Mitten in einer Hitzewelle, in der das Thermometer an die 40 Grad klettert, ist das keine abstrakte Forderung mehr.