In den 1920er Jahren spielten Hörerinnen und Hörer die Platten von Gertrude "Ma" Rainey auf einem Victrola-Grammofon ab. Die schwere Stahlnadel überging dabei ihre lautesten Töne. Sie "sprang direkt darüber hinweg", sagt der Restaurierungstechniker Doug Benson. Paramount presste seine Platten auf billigem Material, und das Format konnte nicht fassen, was die Sängerin tatsächlich tat. Ein Jahrhundert später sind diese Töne zurück.

Die Box Mother of the Blues: The Complete Paramount Recordings, 1923–1928 erschien am 24. Juli bei Black Swan Records und der George H. Buck Jazz Foundation. Sie versammelt alle 92 Titel, die Rainey für das Label aufnahm, dazu neu aufgefundene Testpressungen und bislang unveröffentlichte alternative Takes. Insgesamt sind es 118 Stücke. Benson arbeitete mit den besten erhaltenen Schellackplatten und hielt digitale Eingriffe gering. Die ursprüngliche Oberflächenstruktur bewahrte er dort, wo sie musikalische Information trägt. Violinstimmen, die auf früheren Ausgaben nicht zu hören waren, treten nun hervor.

Rainey trug die Beinamen "Mother of the Blues" und "Assassinator of the Blues". Ihre Laufbahn führte von Zeltbühnen und Varieté-Tourneen der frühen 1900er Jahre bis mitten in den Blues-Boom der 1920er. Sie gehörte zu den meistgehörten Blueskünstlerinnen ihres Jahrzehnts und führte ihre Geschäfte selbst: Sie managte ihre Karriere und schrieb einen Großteil ihrer Paramount-Titel.

Wer mitspielte

Die Aufnahmen dokumentieren einen Scharnierpunkt zwischen Blues und frühem Jazz. Zur wechselnden Begleitung zählten Louis Armstrong, Coleman Hawkins, Fletcher Henderson, Blind Blake und Tampa Red. Die Pianistin Lovie Austin war wiederholt dabei. Das zeigt, wie sehr diese Platten Gemeinschaftsarbeit waren. Thomas A. Dorsey, später eine Gründerfigur des Gospel, führte die Wucht des Materials auf Raineys stimmliche Autorität zurück.

Zur Box gehört ein Buch von mehr als 100 Seiten. Es enthält eine Darstellung ihres Lebens und ihrer Karriere, Archivbilder und Werbematerial, Sitzungsnotizen zu jedem Titel sowie Liedtexte. Zusammengestellt wurde es mit dem Blues- und Jazzhistoriker David Sager.

Der Sinn eines solchen Projekts liegt nicht in Nostalgie, sondern in Hörbarkeit. Rainey prägte eine Ausdrucksform, die über den klassischen Blues einer Bessie Smith bis in den Country Blues weiterwirkte. Ein Jahrhundert lang musste man diesen Einfluss weitgehend glauben, weil man ihn nur durch die Grenzen des Schellacks hindurch hörte. Diese Veröffentlichung verkleinert den Abstand zwischen dem, was sie aufnahm, und dem, was sich heute hören lässt.