Eine erwachsene Amur-Tigerin namens Umit verließ am 31. Juli ihre Transportkiste und lief in die offene Landschaft des Staatlichen Naturreservats Ile-Balkhash im Südosten Kasachstans. Seit 1948 hatte in dem Land kein Tiger mehr frei gelebt.

Die Freilassung ist das erste greifbare Ergebnis eines Wiederansiedlungsprogramms, das seit mehr als zehn Jahren läuft. Kasachstan will dort eine wildlebende Tigerpopulation aufbauen, wo die Art ausgerottet wurde. Gelingt das, wäre es laut Euronews das erste Land der Welt, das es schafft.

Umit ist eine von vier Amur-Tigern, die im Mai 2026 aus der russischen Region Chabarowsk gebracht wurden. Ihr Name bedeutet auf Kasachisch „Hoffnung". Zwei Monate lang beobachteten Fachleute in einem Eingewöhnungsgehege ihre Gesundheit, ihr Verhalten und ihr Jagdgeschick. Das erwachsene Männchen aus derselben Gruppe wird weiter geprüft. Zwei Jungtiere, bei der Ankunft sechs Monate alt, bleiben bis zum Alter von 18 Monaten in Obhut.

„Zum ersten Mal seit dem Verschwinden des Tigers aus Kasachstan vor mehr als 70 Jahren wurde ein Tiger in seinem historischen Verbreitungsgebiet freigelassen", sagte Umweltminister Jerlan Nyssanbajew bei der Zeremonie, über die die Astana Times berichtete.

Zehn Jahre Vorarbeit

Das Tier war das letzte Stück, nicht das erste. Kasachstan richtete das Reservat 2018 ein und baute anschließend die Nahrungskette auf. Zuerst kehrten Bucharahirsche zurück, später kamen Kulane aus dem Nationalpark Altyn-Emel hinzu. Ein ausgewachsener Tiger erlegt im Jahr etwa 50 bis 70 große Tiere, teilte das kasachische Forst- und Wildtierkomitee Euronews mit.

Der ausgestorbene Kaspische Tiger, auch Turan-Tiger genannt, lebte einst in den dichten Tugai-Wäldern am Fluss Ili. Genetische Untersuchungen zeigten, dass der Amur-Tiger sein nächster lebender Verwandter ist. Deshalb stammen die Tiere aus Russland.

Das Schutzgebiet ist nicht eingezäunt, Umit kann es also verlassen. Sie trägt ein GPS-Halsband. Nähert sich ein Tiger einem Dorf auf fünf Kilometer, werden die Bewohner gewarnt. Ein Einsatzteam steht bereit. „Die Sicherheit der Menschen in der Nähe des Reservats hat für uns oberste Priorität", teilte das Umweltministerium mit.

Als Erfolg gilt das Projekt erst, wenn sich die Tiger selbst vermehren und die Population ohne menschliche Hilfe überlebt. Nyssanbajew nannte die Freilassung einen ersten und sehr wichtigen Schritt, dem viel Arbeit folgen müsse.

Zwei weitere Tiger leben in einem großen Gehege im Reservat. Kuma und Bohdana kamen 2024 aus dem Auffangzentrum Stichting Leeuw in den Niederlanden und haben ihr ganzes Leben in Gefangenschaft verbracht. Sie werden nicht ausgewildert, sondern sollen Nachwuchs bekommen. Können deren Junge später selbst jagen, kommen sie für eine Freilassung infrage.