Ein Foto von 1919 zeigt Edmund Kesting in seinem Atelier an der Dresdner Kunstakademie: selbstbewusst, dandyhaft posierend, ein junger Künstler am Beginn einer glänzenden Laufbahn. Es kam anders. Von 1933 an als "entartet" diffamiert und nach 1945 in der SBZ und späteren DDR erneut abgelehnt, verschwand Kesting aus der Kunstgeschichte. Seit dem 2. August zeigt das Kunstmuseum Moritzburg in Halle die erste Retrospektive seines Werks überhaupt.
"Das, was wir jetzt zeigen, hat es so in dieser Form noch nie zu sehen gegeben", sagt Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich. Kuratiert hat er die Schau gemeinsam mit dem Kunstwissenschaftler Paul Kaiser, 56 Jahre nach dem Tod des Künstlers.
Kesting, 1892 geboren und 1970 gestorben, war Maler, Grafiker, Fotograf und Lehrer. In Dresden gründete er mit "Der Weg" eine eigene Schule für Gestaltung. Der Berliner Galerist Herwarth Walden holte ihn in seine Galerie "Der Sturm", eine der wichtigsten Adressen der Avantgarde. Seine größte malerische Neuerung entstand in den 1920er Jahren. Kesting verlieh seinen Bildern räumliche Tiefe, indem er die Leinwand vor und hinter den Keilrahmen verschränkte und sie mit reliefartiger Collage verband. Er nannte diese Arbeiten "Bildbauwerke".
Vom Fotogramm zur chemischen Malerei
Gegen Ende der 1920er Jahre kam die Fotografie hinzu, und Kesting behandelte sie ebenso experimentell: Mehrfachbelichtungen, Fotogramme, gezielte Eingriffe in den Belichtungsprozess. Um 1950 führte er beides zusammen und nannte es "chemische Malerei". Ab den 1950er Jahren entwickelte er eine Formensprache, die dem westeuropäischen Informel in nichts nachstand. Nur sah sie in der DDR kaum jemand.
Denn nach dem Krieg wiederholte sich das Muster. In der Formalismusdebatte wurde ungegenständliche Kunst zugunsten des sozialistischen Realismus diskreditiert. Kestings Arbeiten wurden bis an sein Lebensende von den großen Ausstellungen abgelehnt, etwa in Dresden. Sein Werk war damit von 1933 an kaum noch öffentlich zu sehen. Den Lebensunterhalt sicherte er sich mit Auftragsfotografie. Ausgerechnet ein Porträtfoto Walter Ulbrichts wurde zu seinem meistverbreiteten Bild.
Die Ausstellung in Halle läuft bis zum 25. Oktober und wandert anschließend weiter. Zwischen 2026 und 2028 ist sie an weiteren Orten zu sehen, darunter im Frühjahr 2027 im Kunstmuseum Ahrenshoop. Sie führt vor, was zwei Diktaturen nacheinander verhindert haben. Kesting erfand sich über ein halbes Jahrhundert immer wieder neu. Zu Lebzeiten sah ihn kaum jemand als das, was er war.