Kamerafallen an Seilbrücken über Straßen im brasilianischen Amazonasgebiet haben in 15 Monaten 15.000 Überquerungen baumbewohnender Tiere aufgezeichnet. An den überwachten Stellen kam kein einziges Tier unter ein Fahrzeug.

Die Brücken hängen über Straßen in Alta Floresta, einer Stadt im Norden des Bundesstaats Mato Grosso. "Mongabay" berichtet von acht Brücken, die 2024 entstanden. Das Conservation Biology Institute der Smithsonian Institution, an dem das Projekt angesiedelt ist, zählt sieben Brücken aus dem späten Jahr 2024 und acht weitere in Planung. Sechs Primatenarten nutzen sie. Darunter sind Schwarzgesicht-Klammeraffen, Schneider-Marmosetten und der Springaffe von Alta Floresta, eine vom Aussterben bedrohte Art, die Fachleute erst 2019 beschrieben haben.

Straßen sind in Brasilien eine schwere Gefahr für Wildtiere. Schätzungen zufolge sterben dort jedes Jahr fast neun Millionen Säugetiere im Verkehr. Baumbewohner trifft eine besondere Form des Problems: Eine Straße reißt das Kronendach auf, und ein Tier, das sonst nie den Boden berührt, muss zum Überqueren hinunter.

Vertrauen in ein Seil

Die Konstruktion setzt nicht voraus, dass sich alle Arten gleich bewegen. Jede Brücke trägt mehrere Seillagen. So können Tiere hinüberlaufen, sich mit den Armen schwingen oder den Greifschwanz benutzen. Die Kameras halten auch jene fest, die kehrtmachen. Genau daraus lernt das Team, was es ändern muss. Gehaubte Kapuziner brauchten sieben Monate, bis sie eine Brücke annahmen.

Das Projekt heißt Reconecta und wird von der Biologin Fernanda Abra geleitet, einer Postdoktorandin am Center for Conservation and Sustainability der Smithsonian Institution. Seit 2022 sind 39 Kronenübergänge entstanden. Abra erhielt dafür 2024 einen Preis des Whitley Fund for Nature. Die ersten 32 überspannen die Fernstraße BR-174, die durch das indigene Gebiet der Waimiri-Atroari führt. Mitglieder der Gemeinschaft halfen bei der Standortwahl und testeten zwei konkurrierende Bauweisen mit. Die Tiere bevorzugten Konstruktionen, die Stämme und Äste nachahmen.

Dort wurden in fünf Jahren rund 1250 Überquerungen von Primaten gezählt, weit weniger als an den städtischen Brücken in Alta Floresta. Der Vergleich ist lehrreich, nicht entmutigend. Er zeigt, wo die Tiere sind und welche Bauweise sie akzeptieren.

Auf dem Spiel stehen mehr als einzelne Tiere. Eine Straße, die eine Population teilt, unterbricht auch den Genfluss, und kleine Bestände leiden darunter am stärksten. Weniger fruchtfressende Primaten auf einer Straßenseite bedeuten dort auch weniger verbreitete Samen.

Brasiliens Behörde für Verkehrsinfrastruktur hat die Reconecta-Bauweise als empfohlenen Standard für Fernstraßen übernommen. Ein Gesetzentwurf für einen nationalen Plan zur Wildtiersicherheit an Straßen wartet auf die Abstimmung im Senat. Weitere Brücken sind in Alta Floresta, in anderen Teilen Brasiliens und in Suriname geplant. Ob sie wirken, hängt an etwas weniger Fotogenem als den Überquerungen selbst: an der Wartung und an Kameras, die eingeschaltet bleiben.