Vermessen wurden weniger als drei Prozent Großamazoniens. Das genügte, um die Rechnung für die gesamte Region zu verändern.
Ein internationales Team flog lange, gerade Transekte über den brasilianischen Bundesstaat Acre und tastete rund 4.497 Quadratkilometer Regenwald mit Lidar ab – Laserpulsen, die durch Lücken im Blätterdach dringen und den Boden darunter kartieren. Der Datensatz enthielt 432 Erdwerke. Nur 36 davon waren zuvor erfasst. Die Ergebnisse erschienen am 29. Juli im Fachjournal "Nature".
Die Erbauer sind als Aquiry bekannt, und sie bildeten kein Reich. Von etwa 600 v. Chr. bis 850 n. Chr. hob ein Netzwerk von Gemeinschaften, das gemeinsame Traditionen zusammenhielten, geometrische Anlagen in die Landschaft – Kreise, Quadrate, Achtecke, Formen in anderen Formen –, umrissen von bis zu fünf Meter tiefen und zwölf Meter breiten Gräben, außen begleitet von Erdwällen. Die meisten umschließen rund drei Hektar, die größte bekannte Anlage fünfzig. Gerade Straßen verbanden sie. Metallwerkzeuge und Zugtiere gab es nicht.
Ein Regenwald, den Menschen gemacht haben
Hochgerechnet auf das gesamte Gebiet kommen die Forschenden auf ein Aquiry-Territorium von etwa 183.000 Quadratkilometern und auf mehr als 20.000, womöglich nahezu 30.000 zeremonielle Erdwerke – frühere Arbeiten hatten für das gesamte Amazonasbecken rund 10.000 angenommen. Daraus leiten sie ab, dass zur Blütezeit zwischen 100 und 300 n. Chr. 1,25 bis drei Millionen Menschen dort lebten, in Dörfern mit im Schnitt etwa 300 Bewohnern, die Mais, Kürbis und Maniok anbauten.
Sie ernährten sich, indem sie den Wald umformten: Sie brannten bambusdominierte Bestände nieder, um Felder anzulegen und Platz für die zeremoniellen Zentren und die breiten Straßen dorthin zu schaffen, pflegten Paranussbäume und Pfirsichpalmen und begünstigten nützliche Arten, bis sich die Zusammensetzung des Waldes selbst verschob. Dieses Erbe ist im Blätterdach bis heute lesbar.
"Unsere Ergebnisse stellen unser Verständnis der Vergangenheit des Amazonasgebiets auf den Kopf", sagte Martti Pärssinen, der Archäo-Anthropologe der Universität Helsinki, der die Studie leitete. Er argumentiert, dass die Wirkung solcher Landnutzung auf frühere Kohlenstoffbilanzen in künftige Klimamodelle gehört. Am meisten überrascht habe das Team, sagte er ScienceAlert, wie viele Erdwerke in einem so kleinen Ausschnitt Amazoniens auftauchten – ein Hinweis darauf, dass andere Regionen ähnlich dicht besiedelt gewesen sein könnten. Sein Kollege Alceu Ranzi, Geograf an der Universität von Acre, formulierte es schärfer: Das alte Bild eines unberührten Amazonien hält den Daten nicht stand.
Michael Heckenberger, Anthropologe an der University of Florida und an der Arbeit nicht beteiligt, nannte die neuen Bevölkerungszahlen überwältigend, zugleich aber plausibel und außerordentlich wichtig.
Warum die Aquiry-Anlagen zwischen etwa 850 und 950 n. Chr. aufgegeben wurden, weiß bislang niemand. Was die Vermessung belegt, ist enger und nützlicher: Der Wald, den die Naturschutzpolitik gern als unberührte Wildnis behandelt, ist zu großen Teilen ein Erbe.
