Ein Tier, das in freier Wildbahn ein halbes Jahrhundert lang nicht mehr existierte, sucht in Zentralkasachstan wieder eigenständig nach Wasser und Futter. Ende Mai 2026 haben Naturschützer fünf Przewalski-Pferde – einen Hengst und vier Stuten – in der Steppe Altyn Dala in die Freiheit entlassen. Es ist das zweite Jahr in Folge, in dem das internationale Projekt Tiere aus europäischer Zucht auswildert.
Der eigentliche Beleg für den Erfolg liegt dabei nicht im Tag der Freilassung am 25. Mai, sondern in den zwölf Monaten davor. Die Pferde waren im Juni 2025 aus dem Wildnispark Zürich und dem ungarischen Hortobágy-Nationalpark nach Kasachstan gebracht worden und lebten zunächst in einem Eingewöhnungsgehege. Dort überstanden sie einen kasachischen Winter, lernten, im tiefen Schnee nach Nahrung zu graben, und fanden natürliche Wasserstellen ohne menschliche Hilfe. Zwei der Stuten tragen nun Satellitenhalsbänder, mit denen sich ihre Wege durch ein rund 40.000 Quadratkilometer großes Netz geschützter Korridore verfolgen lassen, ohne die Herde zu stören. Erste Auswertungen zeigen: Die Gruppe hält sich noch in der Nähe des Auswilderungszentrums auf.
Erst musste die Steppe selbst zurückkehren
Dass die Rückkehr überhaupt möglich ist, liegt an einer Landschaft, die zuvor jahrzehntelang repariert werden musste. Die Altyn Dala, die "Goldene Steppe", gilt als eines der letzten großen intakten Graslandgebiete der Erde – doch zu Sowjetzeiten laugte intensiver Weizenanbau ihre Böden aus. Saiga-Antilope, Kulan und Wildpferd verschwanden durch Lebensraumverlust und Wilderei. Mit Unterstützung der kasachischen Regierung entstanden über mehr als 20 Jahre fünf große Schutzgebiete von zusammen etwa der Fläche Brandenburgs sowie ein sicherer Wanderkorridor für Huftierherden.
"Nachdem sie dort ausgerottet wurden, also nach 200 Jahren, sind die Przewalski-Pferde jetzt wieder heimisch in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet", sagt der Geoökologe Michael Brombacher von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.
Warum das über die Art hinaus zählt: Die Wildpferde sind Landschaftsgestalter. Ihr Grasen hält die Steppe offen und erhält damit Lebensräume, von denen zahlreiche weitere Arten abhängen – bis hin zu den Feuchtgebieten innerhalb der Grassteppe, die für Zugvögel bedeutsam sind.
Der Nachschub ist bereits organisiert. Tiere, die 2024 aus Berlin nach Kasachstan kamen, haben sich dort eingelebt und mit weiteren Pferden aus europäischen Zoos die erste Herde der Region gebildet. Für den Frühsommer 2026 bereitet der Tierpark Berlin den nächsten Transport vor: Vier von acht Wildpferden sollen ihre Reise in Berlin beginnen. "Dass wir Wildpferde heute wieder in dieser ökologisch so wichtigen Grassteppe sehen können, ist ein Erfolg von internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit sowie jahrzehntelanger wissenschaftlich koordinierter Erhaltungszucht", sagt Christian Kern, Zoologischer Leiter von Zoo und Tierpark Berlin.
