Über Jahrhunderte berechneten die Maya den Lauf von Venus und Mars, füllten Codices mit Kalendertafeln und stützten darauf Krönungen, Bauwerke und religiöse Feste. Doch wer diese anspruchsvollen Rechnungen ersann, blieb im Dunkeln: Anders als bei babylonischen oder griechischen Gelehrten war bislang keine einzige Signatur eines Maya-Mathematikers bekannt. Namen in den Hieroglyphen gehörten fast immer Herrschern.

Das hat sich nun geändert. Ein Team um Franco D. Rossi vom Massachusetts Institute of Technology hat in einem kleinen, 2010 freigelegten Gebäude in der Ruinenstadt Xultun elf Hieroglyphen rekonstruiert und übersetzt. Sie schreiben eine außergewöhnliche Rechnung einer konkreten Person zu – einem Gelehrten namens Sak Tahn Waax, "Weißbrüstiger Fuchs". Es ist der bislang einzige bekannte Fall, in dem die geistige Arbeit eines einzelnen Maya-Mathematikers ausdrücklich einem Namen zugeordnet ist.

Eine Werkstatt der Sternenrechner

Die Wände der Kammer waren mit über 50 winzigen Texten bedeckt – Rohfassungen von Berechnungen, die die Forschenden mit den Skizzen zu einem berühmten Manuskript vergleichen. "Das ist, als fände man einen frühen Entwurf eines bekannten Werks", erklärt Mitautorin Heather Hurst, Leiterin des San-Bartolo-Xultun-Projekts. Schon 2012 waren an diesem Ort die ältesten bekannten Aufzeichnungen des Maya-Kalenders entdeckt worden; offenbar diente der Raum vor rund 1200 Jahren als Werkstatt und Unterrichtsstätte, in der Mentoren ihr Wissen weitergaben.

Bemerkenswert ist auch die Formel selbst. Sie verknüpft die 260 Tage des rituellen Kalenders, das Sonnenjahr sowie die Zyklen von Venus und Mars auf eine Weise, die in keinem anderen Maya-Text auftaucht. "Es ist ein kreativer Ausdruck mathematischen Denkens", sagt der beteiligte Epigraph David Stuart von der University of Texas at Austin.

Damit rückt ein einzelner Kopf der klassischen Maya-Zeit (250 bis 900 n. Chr.) ins Licht – ein Denker, der sich neben die namentlich bekannten Rechner Indiens, Mesopotamiens, Chinas und Griechenlands stellen lässt. Die im Fachjournal Antiquity erschienene Studie würdigt damit nicht nur eine Person, sondern die reiche astronomische Tradition der indigenen Kulturen Amerikas.