Die deutsche Industrie hat im Juni deutlich mehr Aufträge erhalten als erwartet. Das Neugeschäft im Verarbeitenden Gewerbe stieg gegenüber Mai um 3,1 Prozent, saison- und kalenderbereinigt. Das teilte das Statistische Bundesamt am 6. August mit.
Für eine Branche, die seit Jahren mit schwacher Nachfrage kämpft, ist das ein seltener Lichtblick. Es war bereits der zweite Anstieg in Folge. Im Mai hatten die Bestellungen nach revidierten Zahlen um 0,3 Prozent zugelegt. Befragte Volkswirte hatten für Juni nur mit 0,3 bis 0,5 Prozent gerechnet, wie Handelsblatt und ZEIT Online berichten.
Getragen wurde der Zuwachs von zwei Bereichen. Der Maschinenbau meldete 12,7 Prozent mehr Bestellungen. Bei Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen waren es 22,7 Prozent. Auch die Autoindustrie legte um 3,8 Prozent zu. Im weniger schwankungsanfälligen Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von April bis Juni 1,3 Prozent über dem Vorquartal.
Entscheidend ist, was daraus folgt. Aus Bestellungen wird mit einigen Monaten Verzögerung Produktion, und damit Arbeit. „Die guten Auftragseingänge legen die Grundlage für eine mittelfristige Produktionsausweitung“, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, dem Handelsblatt. Die deutsche Wirtschaft habe damit die Trendwende vollzogen. Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg formuliert es vorsichtiger. Die Konjunktur laufe etwas besser als zuletzt gedacht.
Zwei Vorbehalte
Ein Teil des Plus geht auf einzelne Großaufträge zurück. Ohne sie wären die Bestellungen im Juni geschrumpft. Solche Sprünge sagen wenig über die Breite der Nachfrage aus.
Der zweite Vorbehalt liegt im Wasser. Der Rhein hat zuletzt Rekord-Tiefstände erreicht, berichtet ZEIT Online. Die Binnenschifffahrt kann weniger laden, Vorprodukte kommen langsamer bei den Werken an. Der Chemieverband VCI warnt vor unterbrochenen Lieferketten. „Wermutstropfen ist derweil der niedrige Rheinpegel, der einer Ausweitung der Produktion im Wege stehen könnte“, sagte Gitzel.
Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research hält sogar einen Stillstand für denkbar. Fielen die Pegel weiter, könnte die Berufsschifffahrt so teuer werden, dass sie sich nicht mehr rechnet. Kurzfristig lasse sich daran wenig ändern. Für den 6. August waren in Bonn Gespräche der Wirtschaftsverbände mit Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) über das Niedrigwasser angesetzt. Ob die Industrie ihre vollen Auftragsbücher abarbeiten kann, hängt nun auch am Pegelstand.
