Das Handwerk hat im ersten Halbjahr 2026 rund 67.800 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das sind 4,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mitteilt. Es ist das vierte Jahr in Folge mit steigenden Zahlen, und der Juni-Wert lag so hoch wie zuletzt 2018.
Bemerkenswert ist der Kontrast zur Lage der Branche. Die Umsätze sinken, die Konjunktur ist schwach, der Verband spricht von einem "Lichtblick in einer insgesamt schwierigen Lage". Über die Lehrstellenbörsen der Handwerkskammern sind zudem noch 20.460 Ausbildungsplätze offen.
Wie stark sich der Markt gedreht hat, zeigt ein Stuttgarter Elektrobetrieb mit 130 Beschäftigten. Jahrelang fand er kaum Bewerber für drei oder vier Lehrstellen. Jetzt liegen 90 Bewerbungen für vier Plätze vor.
Warum junge Leute umdenken
Die Auszubildenden selbst nennen einen Grund: Künstliche Intelligenz. "Künstliche Intelligenz kann mir kein Kabel in die Wand zaubern", sagt Leon Briegert, angehender Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik aus der Nähe von Frankfurt (Oder). "Und da jede Wohnung anders ist, wird es auch künftig einen Menschen brauchen, um die Technik anzubringen." Amin Houri hat im Iran vier Jahre Architektur studiert und lernt nun Anlagenmechaniker in Berlin-Kreuzberg. "Ich habe recherchiert. In Zukunft wird die KI den Architektenjob verdrängen."
Der ZDH nennt vier Treiber: die Sorge vor KI-bedingtem Jobverlust, jahrelange Imagekampagnen, bessere Verdienst- und Karrierechancen sowie den Abbau von Ausbildungsplätzen in der Industrie. Verbandspräsident Jörg Dittrich, Dachdeckermeister aus Dresden, hält KI im Handwerk für eine Stütze statt für eine Bedrohung. "Der Befehl an den Chatbot: 'Bau das Haus fertig' wird meistens beantwortet mit 'Ich kann dir helfen bei der Planung. Aber in der Durchführung geht es nicht.'"
Eingesetzt wird die Technik längst. Friseurkunden simulieren Schnitte und Farben vorab, Baufirmen lassen Nachhaltigkeitsberichte erstellen. Thomas Haun führt einen Heizungs- und Sanitärbetrieb mit zehn Mitarbeitern und vier Azubis. Er beschreibt den Wandel konkret: Heizlastberechnungen erledigte früher ein Ingenieurbüro, heute hilft KI dabei. Ebenso bei Bautagebüchern und Montageberichten.
Belegt ist der Zusammenhang allerdings nicht. Dass die Sorge vor KI junge Menschen ins Handwerk treibt, ist wissenschaftlich bislang nicht nachgewiesen. Es gibt nur Hinweise. Nach der repräsentativen Trendstudie "Jugend in Deutschland 2026" erwarten 52 Prozent der Jugendlichen, dass KI die Arbeitswelt grundlegend verändert. Mitherausgegeben hat die Studie die Universität Potsdam.
Ob aus der Atempause eine Wende wird, hängt an anderem. Der ZDH fordert die gesetzliche Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung. Viele Bildungszentren des Handwerks sind 30 bis 50 Jahre alt und sanierungsbedürftig. Und Ende 2027 soll das Programm "Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen" auslaufen, das Betrieben seit Jahren hilft, Auszubildende und Fachkräfte auch aus dem Ausland zu finden.
