Biber gelten als Tiere der Flüsse, Seen und stillen Bäche. Eine neue Studie zeigt: Dieses Bild ist viel zu eng. Die Nager gedeihen auch in den salzigen, von Gezeiten durchspülten Flussmündungen des pazifischen Nordwestens – und ihre Bautätigkeit könnte bedrohten Lachsen helfen.
Gregory Hood von der Skagit River System Cooperative untersuchte Gezeitenfeuchtgebiete und Flussdeltas an den Küsten von British Columbia, Washington und Oregon – Orte, an denen die Gezeiten zweimal täglich Meerwasser ins Landesinnere drücken und an denen Biberforscher selten suchen. Am 8. Juli berichtet er im Fachjournal PLOS One, dass Nordamerikanische Biber (Castor canadensis) dort weit verbreitet sind – und überraschend fleißig. In untersuchten Rinnen des Snohomish und des Skagit zählte er im Schnitt 19 Dämme und zwei Burgen pro Kilometer, mehr als doppelt so viele Dämme wie bislang an Flüssen ohne Tidenhub verzeichnet.
Die Gezeitendämme sehen anders aus als die ihrer Verwandten im Binnenland. Sie sind niedriger, und bei Flut fließt das Meer schlicht über sie hinweg. Das legt nahe, dass ihre eigentliche Aufgabe nicht das Aufstauen eines Flusses ist, sondern das Halten von Wasserbecken bei Ebbe, damit die Tiere sich frei durch sonst trockenfallende Rinnen bewegen können. Womöglich bremsen sie auch das Eindringen von Salzwasser. Und sie halten: Anhand historischer Luftbilder auf Google Earth bis zurück ins Jahr 1990 fand Hood einen Mündungsdamm, der mindestens 35 Jahre bestand – über mehrere Bibergenerationen hinweg.
Warum das zählt: Diese Ebbe-Becken sind mögliche Rettungsanker für Fische. Hood argumentiert, die Biber schüfen Rückzugsräume, die bedrohten Lachsbeständen – darunter Königs- und Silberlachs – in stark geschädigten Mündungen Schutz bieten könnten. Mit anderen Worten: Ein oft als Störenfried abgetanes Tier leistet womöglich unentgeltlich Naturschutzarbeit.
Die Ergebnisse erweitern die Landkarte, auf der eine Schlüsselart leben kann, und deuten auf eine bislang übersehene ökologische Rolle hin. Hood ist noch nicht fertig: Mit Biologen der Tulalip Tribes hat er einen Gezeitenbiber mit einem GPS-Sender versehen, um seine Wege durch nahezu unpassierbaren Sumpf zu verfolgen, und hofft, 20 weitere zu markieren. Die gängige Auffassung sei, so merkt er an, dass Biber „ausschließlich in Flüssen und Seen leben“ – eine Annahme, die seine Erhebung klar widerlegt.
