Mehr als hundert Jahre lang kannten die Lehrbücher nur zwei Grundfamilien von Magneten. Ferromagnete sind die alltägliche Sorte – das Material hinter Kühlschrankmagneten, Festplatten und Elektromotoren. Antiferromagnete sind subtiler: Ihre inneren magnetischen Momente zeigen in entgegengesetzte Richtungen und heben sich auf, sodass nach außen keine Anziehung bleibt. Diese saubere Zweiteilung ist nun aufgebrochen.
Die Europäische Physikalische Gesellschaft verleiht ihren Europhysics-Preis 2026 – eine der angesehensten Auszeichnungen des Kontinents in der Physik der kondensierten Materie, vergeben seit 1975 – an Libor Šmejkal, Jairo Sinova und Tomas Jungwirth für die Bestimmung einer dritten elementaren Klasse des Magnetismus, des Altermagnetismus. Sinova leitet das Spin Phenomena Interdisciplinary Center an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Jungwirth forscht am Institut für Physik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag. Ein großer Teil der entscheidenden theoretischen Arbeit entstand in Mainz, wo Šmejkal zwischen 2016 und 2024 tätig war.
Das Beste aus beiden Welten
Das Besondere an Altermagneten ist, dass sie Eigenschaften vereinen, die lange als unvereinbar galten. Wie Antiferromagnete besitzen sie keine Netto-Magnetisierung und erzeugen daher keine Streufelder, die benachbarte Bauteile stören. Wie Ferromagnete können sie zugleich starke spinpolarisierte Ströme erzeugen – und das bei ultraschnellen Terahertz-Geschwindigkeiten.
Genau diese Kombination hat dem aufstrebenden Feld der Spintronik bislang gefehlt. Indem sie den Spin der Elektronen und nicht nur ihre Ladung nutzen, könnten Altermagnete Computerspeicher ermöglichen, die schneller und weit energieeffizienter sind – mit klarem Reiz für Hochleistungs- und KI-Hardware. Die Entdeckung zwingt zudem dazu, die einführenden Kapitel der Magnetismus-Lehrbücher neu zu schreiben, und eröffnet Verbindungen zu Supraleitung und topologischen Materialien.
"Dass eine völlig neue magnetische Phase mehr als 100 Jahre lang verborgen blieb, zeigt, dass selbst die reifsten Wissenschaftsfelder noch grundlegende Überraschungen bereithalten können", sagt Sinova. Der Preis wird im September auf der Tagung der Gesellschaft zur kondensierten Materie im österreichischen Graz überreicht.
