Noch bevor der Trog mit Erdnüssen über den Zaun schwingt, wissen die Menschenaffen, was gleich passiert. In diesen angespannten Minuten suchen Bonobos und Schimpansen Kontakt zueinander – eine Umarmung, ein Klaps, ein Kuss. Eine neue Studie legt nahe, dass diese Berührungen weniger Freudenbekundung als Absicherung sind: Wer sich vorher gegenseitig beruhigt, frisst anschließend friedlicher neben den anderen.
Für die Untersuchung, geleitet von der psychologischen Abteilung der Durham University und veröffentlicht in den Proceedings of the Royal Society B, filmte das Team 116 Tiere aus fünf halbwild lebenden Gruppen in 60 Sitzungen an zwei afrikanischen Auffangstationen – Lola ya Bonobo in der Demokratischen Republik Kongo und Chimfunshi in Sambia. Die Forschenden Zanna Clay und Jake Brooker waren für acht Monate dorthin gereist, um Trost zu erforschen, also die Art, wie Menschenaffen einander nach einem Streit beruhigen. Dabei fiel ihnen immer wieder freundlicher Körperkontakt auf, noch bevor überhaupt ein Konflikt ausgebrochen war.
Um dessen Funktion zu prüfen, nutzte das Team eine Versuchsanordnung des niederländischen Biologen Edwin van Leeuwen. Erdnüsse werden aus einem Bambustrog in eine kleine gemeinsame Fläche gekippt und bündeln damit eine wertvolle Ressource an einem Ort, ähnlich wie ein fruchtender Baum in freier Wildbahn. Weil die Tiere zusehen können, wie der Trog gefüllt wird, lassen sich die fünf Minuten der Erwartung gesondert auswerten: jede Umarmung, jede Drohung, jeder Angriff.
Wer sich wem zuwendet
Bei beiden Arten zeigte sich dasselbe Muster. Tiere, die vorab mehr beruhigenden Kontakt austauschten, verbrachten danach mehr Zeit damit, gemeinsam mit anderen zu fressen. Der Effekt folgte der jeweiligen Sozialstruktur: Bei Bonobos war er zwischen Weibchen am stärksten, deren Bündnisse die Aggression der Männchen ausgleichen, bei Schimpansen dagegen zwischen Männchen, deren Koalitionen das soziale Gefüge tragen. Am deutlichsten trat er in den toleranteren Gruppen auf; wo die Führung autoritärer war, verschwand der Zusammenhang.
Manche Kontakte waren erstaunlich riskant. Schimpansen, vor allem Männchen, steckten einander Finger und Hände in den Mund und fassten sich an die Genitalien. Bei einer Art, die zu tödlicher Gewalt fähig ist, sei genau diese Verletzlichkeit die Botschaft, argumentieren die Forschenden: Eine Hand steckt man nur in einen Mund, wenn man sicher ist, dass er sich nicht schließt. In der toleranteren Gruppe kamen solche Gesten deutlich häufiger vor.
Weil Bonobos und Schimpansen so ähnliche Gesten verwenden, dürfte das Verhalten auf den gemeinsamen Vorfahren mit dem Menschen zurückgehen – auf mindestens sechs Millionen Jahre. Toleranz, also die Bereitschaft, Raum ohne Aggression zu teilen, gilt im Tierreich als Grundlage von Kooperation und sozialem Lernen; die Befunde legen nahe, dass vorsorgliche Berührung sie mit aufrechterhält. Parallelen beim Menschen finden sich in Arbeiten, auf die die Autoren verweisen: Verhandelnde, die sich vorher die Hand geben, lügen weniger und erzielen bessere gemeinsame Ergebnisse, und NBA-Teams, die sich zu Saisonbeginn 2008/09 häufiger berührten, spielten später kooperativer. Sich zuzuwenden, bevor die Spannung entsteht, ist offenbar eine sehr alte Idee.
