Wer ein Kind aus der 26. Schwangerschaftswoche auf einer Neonatalstation liegen sieht, stellt vor allem eine Frage: Was wird aus ihm? Eine der weltweit am längsten laufenden Geburtskohorten liefert darauf jetzt eine Antwort, und sie fällt überwiegend zuversichtlich aus.
Die Bayerische Längsschnittstudie hat 416 Menschen, die zwischen Januar 1985 und März 1986 in Bayern zur Welt kamen, an neun Messzeitpunkten bis zum Alter von 34 Jahren begleitet. 214 von ihnen wurden sehr früh geboren – vor der 32. Schwangerschaftswoche – oder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm. Die Auswertung eines Teams um den Entwicklungspsychologen Dieter Wolke von der University of Warwick, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Leicester, von der Monash University und vom Universitätsklinikum Bonn, erschien am 20. Juli im Fachjournal "JAMA Pediatrics".
Aus ausführlichen Interviews zu Risikoverhalten, wirtschaftlicher Lage und Beziehungen zu Eltern, Partnern und Freunden ergaben sich drei Muster. 56 Prozent der sehr früh Geborenen kommen in allen erfassten Bereichen gut zurecht; bei den Termingeborenen sind es 74 Prozent. 26 Prozent stehen insgesamt ordentlich da, tun sich aber in Partnerschaften und finanziell schwerer. 18 Prozent haben anhaltende Schwierigkeiten in Beruf, Geld und sozialen Beziehungen – gegenüber 1,5 Prozent der Termingeborenen. Diese Gruppe bewertet auch ihre Lebenszufriedenheit deutlich niedriger, betont Erstautorin Elif Gönen.
Der entscheidende Faktor ist veränderbar
Interessanter als die Verteilung ist, was sie erklärt. Das Team prüfte die Frühgeburt selbst, Geschlecht, Selbstkontrolle, Erziehungsverhalten, Freundschaften in der Grundschule, Familieneinkommen, Familienklima und die Paarbeziehung der Eltern. Einzeln betrachtet hingen mehrere dieser Größen mit dem späteren Leben zusammen. Rechnet man sie gemeinsam, bleibt ein einziger robuster, unabhängiger Prädiktor übrig: der Intelligenzquotient im Alter von acht Jahren. 15 IQ-Punkte mehr – etwa der durchschnittliche Abstand zwischen sehr früh und termingerecht Geborenen – gingen mit einem um 79 Prozent geringeren Risiko einher, später zur Gruppe mit niedriger wirtschaftlicher und sozialer Funktionsfähigkeit zu zählen.
Der Punkt daran ist nicht Determinismus, sondern das Gegenteil. Kognitive Fähigkeiten sind, wie Wolke betont, nicht in Stein gemeißelt; sie reagieren auf die Umgebung, in der ein Kind aufwächst, besonders stark in den ersten Lebensjahren. Neben der Frühgeburt selbst nennt er das Temperament des Kindes sowie die Eltern-Kind-Beziehung und das Elternverhalten als zentrale Stellschrauben.
In Deutschland kommen nach Angaben des Bundesverbands "Das frühgeborene Kind" jährlich rund 50.000 Kinder zu früh zur Welt, etwa sieben Prozent eines Jahrgangs; ab der 25. Woche überleben heute mehr als 80 Prozent. Damit erreichen immer mehr Menschen das Erwachsenenalter, die vor einer Generation kaum Überlebenschancen gehabt hätten – und die Frage, was ihnen hilft, wird zu einer Aufgabe der öffentlichen Gesundheit.
Konkret heißt das: Eltern früh einbeziehen, statt ihnen alles abzunehmen. Der Heidelberger Neonatologe Christian Gille plädiert dafür, Eltern auch bei Frühgeborenen häufiger selbst füttern und anlegen zu lassen, damit die Bindung wachsen kann. Und danach im Alltag: vorlesen, gemeinsam Dinge anschauen, Gespräche führen, die ein wenig fordern.
