Weltweit wird mehr gestillt. Der Anteil der Säuglinge, die in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich Muttermilch bekommen, stieg von rund 37 Prozent im Jahr 2012 auf über 47 Prozent. Das melden UNICEF und die WHO in einer gemeinsamen Erklärung zur Weltstillwoche, die vom 1. bis 7. August läuft. Unterzeichnet haben sie UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell und WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. In den vergangenen fünf Jahren stieg außerdem der Anteil der Kinder, die bis zum zweiten Geburtstag gestillt werden, von 38 auf 50 Prozent.
Hinter diesen Prozentwerten stehen sehr konkrete Zahlen. Bei stärkerer Förderung ließen sich nach Angaben beider Organisationen jährlich fast 400.000 Todesfälle bei Kindern verhindern und rund 140.000 bei Müttern. Den wirtschaftlichen Ertrag beziffern sie auf geschätzte 59 Dollar je investiertem Dollar. Der Betrag ergibt sich aus geringeren Gesundheitskosten, besserer kognitiver Entwicklung und höheren Lebenseinkommen. Für stillende Mütter sinkt zudem das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs sowie für Typ-2-Diabetes.
Der Fortschritt fällt ungleich aus. Viele Länder liegen hinter den globalen Zielen. Unterstützungsangebote erreichen zu wenige Familien, Vorgaben werden uneinheitlich durchgesetzt, und in einkommensschwachen und humanitären Kontexten bleibt die Qualität oft unzureichend. Was hilft, ist gut belegt: fachliche Begleitung im Gesundheitssystem, Beratung in den Gemeinden, Mutterschutz am Arbeitsplatz und Schutz vor der aggressiven Vermarktung industrieller Säuglingsnahrung.
Drei Irrtümer aus den ersten Tagen
Ein Teil der Ratschläge auf Entbindungsstationen gehört selbst zum Problem. Das legt eine Studie der Universität Sapienza in Rom nahe, erschienen im Fachjournal The Journal of Maternal-Fetal & Neonatal Medicine. Die Autorinnen und Autoren werteten 78 Studien aus, unter anderem aus den USA, Deutschland, Australien, Indien und Mexiko. Sie benennen drei verbreitete Irrtümer.
Der erste ist die Annahme, in den ersten Tagen werde zu wenig Milch gebildet. Wer das glaubt, füttert vorzeitig Säuglingsnahrung zu. "Unsere Untersuchung legt nahe, dass Kolostrum in der Regel ausreicht, um den Bedarf des Neugeborenen zu decken", sagt Erstautorin Maria Di Chiara, Spezialistin für Neonatologie. Gemeint ist die erste, hochkonzentrierte Milch nach der Geburt.
Der zweite Irrtum ist der Rat, in den ersten Wochen auf Schnuller zu verzichten. Ein Schnuller verkürze weder die Stilldauer noch das ausschließliche Stillen, sagt Di Chiara. Der Deutsche Hebammenverband rät weiterhin, vier bis sechs Wochen zu warten. Der dritte Irrtum betrifft elektrische Milchpumpen. Sie sollten im Wochenbett nicht routinemäßig zum Einsatz kommen. Muss Milch abgepumpt werden, ist Handentleerung die bessere Methode.
"Was mir am meisten aufgefallen ist, war, wie oft gut gemeinte, routinemäßige Ratschläge noch gar nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren", fasst Di Chiara zusammen. "Kleine Veränderungen in diesen ersten drei Tagen könnten für Familien einen echten Unterschied machen."
Deutschland zeigt, wie langsam sich die Richtung ändert. Seit einem historischen Tiefpunkt Anfang der 1970er Jahre steigen die Stillquoten wieder. Nach der bundesweiten KiGGS-Studie bekamen 68 Prozent der Säuglinge direkt nach der Geburt ausschließlich Muttermilch, 40 Prozent noch bis zum Ende des vierten Lebensmonats. Die WHO empfiehlt sechs Monate ausschließliches Stillen, ohne zusätzliches Wasser. Danach soll Beikost hinzukommen, das Stillen aber bis zum zweiten Geburtstag oder darüber hinaus weitergehen.