Ein neuer Pullover, nie getragen, direkt in den Schredder: Was lange als betriebswirtschaftlich normal galt, ist in der Europäischen Union nun untersagt. Seit Sonntag, dem 19. Juli, dürfen große Unternehmen unverkaufte Kleidung und Schuhe nicht mehr vernichten. Stattdessen müssen sie die Ware weiterverkaufen – etwa mit Rabatt – oder spenden.

Die Regel ist Teil der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR), die seit Juli 2024 gilt und Produkte über ihren gesamten Lebensweg nachhaltiger machen soll. Das Problem, das sie adressiert, ist beträchtlich: Nach Schätzungen der Europäischen Umweltagentur werden vier bis neun Prozent aller Textilien in der EU vernichtet, ohne je getragen worden zu sein. Allein deren Entsorgung verursacht laut EU-Kommission bis zu 5,6 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr – so viel wie zwei bis drei Millionen Autos. Mit jedem weggeworfenen Stück gehen zudem Rohstoffe, Wasser, Energie und Arbeitskraft verloren.

Zunächst greift das Verbot bei großen Konzernen; mittlere Unternehmen folgen später. Ausnahmen bleiben, etwa für beschädigte, verschmutzte oder gefälschte Ware sowie für Spenden, die soziale Einrichtungen nicht fristgerecht annehmen. Das deutsche Umweltbundesamt ordnet die Maßnahme als Beitrag ein, vermeidbare Abfälle zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und die Wiederverwendung gebrauchsfähiger Produkte zu fördern.

Ob aus dem Prinzip auch Praxis wird, ist der Streitpunkt. Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie hält das Gesetz für praxisfern; Experte Jonas Stracke warnt vor zusätzlicher Bürokratie und nennt das Verbot einen „Papiertiger“, solange funktionierende Sammel-, Sortier- und Recyclingstrukturen fehlten. Auch Umweltschützer sind gespalten: Greenpeace-Experte Moritz Jäger-Roschko begrüßt das Verbot grundsätzlich, sieht aber Schlupflöcher – etwa durch Falschdeklaration – und mahnt konsequente Kontrollen an. Das eigentliche Problem, die Fast Fashion, bleibe unangetastet.

Bei aller Kritik markiert die Regel einen Kurswechsel: Erstmals macht die EU die Vernichtung neuwertiger Kleidung europaweit zur Ausnahme statt zur bequemen Routine. Wie viel sie bewirkt, wird sich an der Kontrolle entscheiden – doch die Richtung stimmt.