Windenergie ist Deutschlands wichtigste Stromquelle, und ihr Ausbau kollidiert regelmäßig mit dem Artenschutz. Besonders betroffen ist der Rotmilan. Forschende statten die Greifvögel deshalb mit GPS-Sendern aus und sammeln die Daten in der Datenbank MoveBank. Mehr als 5,3 Millionen Ortungspunkte sind dort bereits erfasst.

Der Rotmilan (Milvus milvus) ist an seinem gegabelten Schwanz leicht zu erkennen und etwa so groß wie ein Bussard. In Deutschland gilt er als "Art von besonderer nationaler Verantwortung". Nach Angaben von Simon Thorn, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen in Gießen, brütet mehr als die Hälfte des Weltbestands hierzulande, ein wesentlicher Teil davon in Hessen. Das Hessische Landesamt für Naturschutz beziffert den Anteil vorsichtiger auf 37 bis 50 Prozent.

Die Bestände gelten derzeit als vergleichsweise stabil. Biologen halten die Art trotzdem für verletzlich, weil sie sich so stark auf Mitteleuropa konzentriert. Intensive Landwirtschaft verändert ihre Lebensräume, dazu kommen ungesicherte Strommasten und Windkraftanlagen.

Warum gerade dieser Vogel

Wie stark Windräder den Bestand gefährden, ist umstritten. Naturschutzverbände warnen vor erheblichen Risiken für einzelne Populationen, andere Forschende verweisen auf das Ausweichverhalten vieler Tiere. Das Hessische Landesamt hält dagegen fest, der Rotmilan zeige gegenüber Windenergieanlagen kein Meideverhalten und gehöre gemessen an seiner Bestandsgröße zu den häufigsten Kollisionsopfern.

Thorn erklärt das mit der Jagdweise. "Der Rotmilan ist eine Greifvogelart, die vergleichsweise niedrig fliegt, wenn sie die Beute sucht. Dabei schauen die Vögel immer auf den Boden - und das macht sie anfällig als Schlagopfer für die Windkraft. Sie merken es einfach nicht, wenn sie sich im Suchflug einem Windrad nähern."

Die Sender sind klein genug, um schon jungen Milanen wie Mini-Rucksäcke angelegt zu werden. Sie liefern, wo sich die Tiere aufhalten und wie sie sich bewegen. Aus den Ortungspunkten lassen sich bevorzugte Jagdgebiete und Flugrouten ablesen. "So erkennen wir eine potenzielle Gefährdung einfach früher", sagt Thorn. Konkret heißt das: Schon bei der Standortplanung eines Windrads lässt sich berücksichtigen, wo die Vögel tatsächlich fliegen.

An der Auswertung arbeitet auch eine Arbeitsgruppe der Philipps-Universität Marburg um Nina Farwig im Projekt RoniaH. Sie will die Aufenthaltswahrscheinlichkeiten des Rotmilans räumlich und zeitlich quantifizieren und daraus belastbare Erfassungsstandards für Artgutachten entwickeln. Der Anspruch ist, den Ausbau der Windenergie und den Schutz der Art nicht gegeneinander auszuspielen.