Für die antisoziale Persönlichkeitsstörung (ASPD) gab es lange keine Behandlung, deren Nutzen sich sauber belegen ließ. Eine große Untersuchung aus England und Wales schließt diese Lücke nun von einer ungewohnten Seite: Sie rechnet nach.
Das Störungsbild ist durch anhaltende Aggressivität, Reizbarkeit, Rücksichtslosigkeit, Unzuverlässigkeit und fehlende Reue geprägt. In der Allgemeinbevölkerung betrifft es etwa zwei bis drei Prozent der Erwachsenen – auf Deutschland übertragen rund 1,4 bis 2,1 Millionen Menschen. Unter Männern, die wegen Gewaltdelikten verurteilt wurden, liegt der Anteil dagegen bei bis zu 50 Prozent, verbunden mit besonders schwerer und wiederholter Delinquenz. Entsprechend hoch ist die Belastung für Gesundheitswesen und Justiz – und für die Betroffenen von Straftaten.
Die Studie MOAM (Mentalization for Offending Adult Males) unter Leitung des King's College London teilte an 13 Standorten mehr als 300 Männer ab 21 Jahren mit ASPD nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zu. Die eine erhielt die übliche Bewährungsbetreuung, die andere zusätzlich eine mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) – ein strukturiertes Gesprächsverfahren, das die Fähigkeit schult, eigene Gedanken und Gefühle wie auch die anderer Menschen zu erkennen und einzuordnen. Finanziert wurde die Arbeit vom britischen National Institute for Health and Care Research.
Weniger Aggression, kürzere Haft, geringere Kosten
Nach 24 Monaten verglich das Team um die Gesundheitsökonomin Barbara Barrett beide Gruppen – nicht nur klinisch, sondern über sämtliche Kosten hinweg, die der Gesellschaft entstehen: Gesundheitsversorgung, Strafjustiz und die Folgen der Taten selbst. Erfasst wurde außerdem, welche Angebote zu Unterkunft, Bildung, Beschäftigung und Qualifizierung die Teilnehmer genutzt hatten. Fragen und Fragebogen entstanden gemeinsam mit Fachkräften und mit Menschen, die Haft und Bewährung selbst erlebt haben.
Das Ergebnis: Die Therapiegruppe war weniger aggressiv, gemessen mit der Overt Aggression Scale–Modified, und verursachte zugleich geringere Kosten – eine Kombination, die Gesundheitsökonomen als Dominanz bezeichnen. Im Mittel lagen die gesellschaftlichen Gesamtkosten pro Person über zwei Jahre um rund 2.000 Pfund niedriger; statistisch abgesichert war dieser Unterschied allerdings nicht. Deutlicher fiel die Haftdauer aus: durchschnittlich 4,54 Monate in der Therapiegruppe gegenüber 6,96 Monaten in der Vergleichsgruppe. Pro Punkt, um den der Aggressionswert sank, wurden etwa 93 Pfund eingespart.
Teuer ist die Behandlung dabei nicht. 826 Pfund kostete sie im Schnitt pro Teilnehmer und liegt damit im Bereich anderer ambulanter psychologischer Angebote – ein Betrag, der durch kürzere Haftzeiten und ausbleibende Straftaten wieder hereinkam.
Publiziert wurde die gesundheitsökonomische Auswertung im Fachjournal "PLOS One". Sie ergänzt die klinischen Befunde derselben Studie, wonach die behandelten Männer weniger aggressiv waren und seltener rückfällig wurden. Für Bewährungshilfe und Justiz ist das eine seltene Konstellation: ein Angebot, das den Behandelten hilft, künftige Betroffene schützt und den öffentlichen Haushalt nicht zusätzlich belastet.