Über ein Jahrhundert lang wurde die eiszeitliche Kunst der Dordogne bewundert, ohne dass jemand sagen konnte, wann sie entstand. Die schwarzen Figuren galten als mit Eisen- und Manganoxiden gemalt – mineralische Pigmente, die keinen Kohlenstoff enthalten und der Radiokarbonmethode deshalb keinen Ansatzpunkt bieten. Der Stil war die einzige verfügbare Uhr. Ein französisches Forschungsteam hat nun gezeigt, dass diese Annahme nie überprüft wurde – und dass sie falsch war.
In der Höhle Font-de-Gaume bei Les Eyzies, deren Malereien 1901 ein Dorflehrer entdeckte, untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Leitung eines CNRS-Forschers die Chemie zweier schwarzer Figuren: eines Bisons und eines Bildes, das üblicherweise als Maske beschrieben wird. Raman-Mikrospektrometrie und hyperspektrale Bildgebung, die beide das Kunstwerk nicht beschädigen, wiesen Spuren von Holzkohle im Pigment nach. Entscheidend war, dass sich die Holzkohle gleichmäßig durch die schwarzen Linien zog und nicht in einzelnen Flecken saß – das schloss eine spätere Verunreinigung durch Graffiti oder Höhlenbesucher aus.
Dieser Befund rechtfertigte eine Ausnahmegenehmigung: vier mit bloßem Auge unsichtbare Mikroproben aus den beiden Figuren für die Kohlenstoff-14-Messung. Mit so wenig Material zu arbeiten ist anspruchsvoll, doch die Ergebnisse hielten stand. Der Bison entstand zwischen 13.461 und 13.162 calBP – kalibrierte Jahre vor 1950, dem konventionellen Bezugspunkt. Teile der Maske datieren zwischen 15.981 und 15.121 sowie zwischen 15.297 und 14.246 calBP. Die Arbeit erschien im Fachjournal PNAS.
Eine Figur, an der zweimal gearbeitet wurde
Eine Probe der Maske fiel deutlich jünger aus, zwischen 8.993 und 8.590 calBP. Die Forschenden bieten zwei Lesarten an: Eine spätere Generation besserte das Bild nach, oder jüngerer Kohlenstoff verunreinigte diese Stelle. So oder so legt die Abfolge nahe, dass eine bemalte Höhle kein einmaliger Akt war, sondern ein Ort, an den Menschen zurückkehrten und den sie veränderten – eine Geschichte, die die Stilkunde allein nicht auflösen kann.
Die Daten verschieben auch das Bild ein wenig. Stilistisch war die Kunst von Font-de-Gaume auf etwa 16.000 bis 18.000 Jahre geschätzt worden; die gemessenen Werte sind etwas jünger. Hunderte Bilder sind in der Höhle erfasst, rund zwei Drittel davon Tiere, der Rest Menschen, Masken, geometrische Zeichen und Handabdrücke. Sie liegt im Vézère-Tal, seit 1979 UNESCO-Welterbe mit 147 prähistorischen Fundstellen und 25 bemalten Höhlen.
Fachleute von außen mahnen zur Geduld. Jede Gelegenheit, Datierungen zu gewinnen, sei wichtig, weil sie die Kunst zeitlich verankere, sagt die nicht beteiligte Archäologin Inés Domingo Sanz von der Catalan Institution for Research and Advanced Studies – doch brauche es mehr Daten, ehe man sich auf die Ergebnisse stützen könne. Das eigentliche Versprechen der Methode liegt anderswo: Wenn hier verborgene Holzkohle auftauchte, wartet sie womöglich auch in anderen Höhlen.