Zwei Drittel der Erdoberfläche sind an den Mittelozeanischen Rücken entstanden, einer 65 000 Kilometer langen Kette unterseeischer Gebirge, an denen sich tektonische Platten voneinander entfernen und aufsteigendes Magma zu frischer Kruste erkaltet. Diesen Prozess verstehen Geologen über Jahrmillionen hinweg, doch sie hatten nie einen der kurzen Schübe beobachtet, die die eigentliche Arbeit verrichten. Bis jetzt.
Ein internationales Team um den französischen Geophysiker Jean-Yves Royer hat die erste direkte Echtzeitaufzeichnung eines Spreizungsereignisses am Meeresboden eingefangen, wie es diese Woche im Fachjournal »Nature« berichtet. Der Schlüssel waren Geduld und Standortwahl: Monate zuvor hatten die Forschenden ein Netz von Instrumenten über einem aktiven Abschnitt des Südostindischen Rückens verankert, der Grenze zwischen der Australischen und der Antarktischen Platte. Hydrofone, Drucksensoren, akustische Transponder und geodätische Baken lagen einsatzbereit am Meeresgrund.
Sie mussten nicht lange warten. Am 26. April 2024 kündigte ein Erdbebenschwarm aufsteigendes Magma an. In den folgenden sechs Tagen sackte der Meeresboden um rund vier Meter ab, und die Platten entfernten sich um mehr als einen Meter voneinander, als eine etwa 2,5 Kilometer breite und 3,6 Kilometer unter der Kruste liegende Magmakammer sich entleerte und Gesteinsschmelze in das Gestein und auf den Meeresboden strömen ließ. Insgesamt setzte das Ereignis bis zu 160 Millionen Kubikmeter Lava frei, das Volumen von mehr als 60 Cheops-Pyramiden. In einer einzigen Episode verarbeitete der Rücken fast 40 Jahre Plattenbewegung, die sich sonst nur etwa so schnell wie das Wachstum von Fingernägeln vollzieht.
»Wir hatten erwartet, ein paar Zentimeter zu messen«, sagte Royer; stattdessen bewegte sich der Boden im Bereich von Metern.
Eine leise Art der Spreizung
Am bemerkenswertesten war, wie wenig dieser Umwälzung sich als Erdbeben bemerkbar machte. Die Hauptverwerfung verschob sich um rund zwei Meter, doch nur 10 bis 20 Zentimeter davon gingen auf Erdbeben zurück. Der Rest geschah lautlos, nachdem das Gestein bereits gebrochen war, in einem langsamen, aseismischen Gleiten, das eng mit dem vordringenden Magma verknüpft ist.
Das hilft, ein altes Rätsel zu lösen: warum es an den Mittelozeanischen Rücken weit seltener bebt, als ihr rasches Wachstum vermuten ließe. Ein Großteil der Bewegung, so scheint es, verläuft schlicht zu leise, um wahrgenommen zu werden. Nun will das Team weitere Rücken untersuchen, darunter solche, die stärker von Erdbeben als von Magma geprägt sind, um zu prüfen, wie weit das Muster reicht.
