In einer Höhle im Süden der Türkei haben zwei verschiedene Menschenarten über mehr als 20.000 Jahre hinweg erstaunlich ähnliche Spuren hinterlassen. Ausgrabungen in der Üçağızlı-II-Höhle im nördlichen Teil der Levante deuten darauf hin, dass Neandertaler und moderne Menschen dort nicht nur nacheinander lebten, sondern eine gemeinsame kulturelle Tradition pflegten – ein Befund, der die Grenze zwischen den beiden Arten überraschend durchlässig erscheinen lässt.

Ein internationales Team mit Forschenden aus der Türkei, Frankreich und Japan, darunter Wissenschaftler der Universität Kyoto, legte den Fundort in fünf Jahren millimetergenauer Grabung frei. Die Ergebnisse erschienen in den „Proceedings of the National Academy of Sciences".

Gleiche Werkzeuge, gleiche Vorlieben

Beide Arten nutzten an dem Ort dieselben Steinwerkzeug-Techniken und Überlebensstrategien. Bemerkenswerter noch: Die geteilten Gewohnheiten reichten über den praktischen Alltag hinaus. Sowohl Neandertaler als auch moderne Menschen sammelten gezielt eine bestimmte Meeresmuschel, die als Nahrung praktisch wertlos war. Diese Vorliebe für ein nicht-nützliches, vermutlich symbolisch aufgeladenes Objekt galt bislang als typisch allein für den Homo sapiens.

„Unsere Ergebnisse deuten auf ein tiefes Maß kultureller Interaktion hin", sagt Naoki Morimoto von der Universität Kyoto, einer der verantwortlichen Autoren. Die beiden eng verwandten Gruppen hätten sich nicht bloß derselben Umwelt angepasst, sondern wahrscheinlich symbolische Vorlieben geteilt.

Die Fundstelle liegt an einer geschichtlich zentralen Stelle: Auf ihrem Weg aus Afrika zogen frühe moderne Menschen durch die Levante, den Korridor zwischen Afrika und Eurasien. Menschliche Fossilien aus dieser Epoche sind dort jedoch selten. Die in der Höhle geborgenen Homo-sapiens-Überreste werden auf ein Alter zwischen rund 50.000 und 60.000 Jahren datiert und fallen damit mitten in die entscheidende Phase der Ausbreitung des Menschen. Möglicherweise stehen diese Individuen einer Gründungslinie nahe, aus der alle heute lebenden Menschen außerhalb Afrikas hervorgingen.

Bis heute tragen viele Menschen einen kleinen Anteil Neandertaler-Erbgut in sich. Der Fund schließt eine langjährige Lücke im archäologischen Bild und liefert Hinweise darauf, dass sich Begegnungen der beiden Arten nicht auf gelegentlichen Kontakt beschränkten, sondern über Jahrtausende zu geteiltem Wissen und geteilten Symbolen führten.