Seit Jahrzehnten wissen Geophysikerinnen und Geophysiker, dass der größte Teil der Erdoberfläche an den mittelozeanischen Rücken entsteht, wo sich tektonische Platten voneinander entfernen und aufsteigendes Magma zu frischer Kruste erstarrt. Was ihnen nie gelang, war, diesen Vorgang direkt zu beobachten. Das hat sich nun geändert.

Ende Februar 2024 ließ ein Team um den Meeresgeophysiker Jean-Yves Royer vom französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung ein autonomes Observatorium auf den Südostindischen Rücken hinab, die Grenze zwischen der Australischen und der Antarktischen Platte nahe der Insel Amsterdam. Die Messanordnung – fünf Hydrophone, ein Netz akustischer Entfernungsbaken, ein Bodendrucksensor und wiederholte Kartierungen des Meeresbodens – sollte eine jener seltenen, heftigen Episoden einfangen, in denen neuer Meeresboden entsteht. Die Forschenden hofften bestenfalls, ein paar Zentimeter gleichmäßiger Dehnung zu messen.

Zwei Monate später, am 26. April 2024, kam der Rücken ihnen entgegen. Ein rasch wandernder Schwarm kleiner Erdbeben lief durch das Achsental, während sich plattenförmige Magmaintrusionen, sogenannte Gänge, in weniger als zwei Stunden durch die Kruste rissen. In den folgenden 16 Tagen ergossen sich rund 160 Millionen Kubikmeter Lava auf den Meeresboden. Der Talboden sackte um etwa 4,2 Meter ab, während sich darunter eine rund 2,5 Kilometer breite und 3,6 Kilometer tiefe Magmakammer entleerte, und die beiden Seiten des Rückens drifteten um mehrere Meter auseinander.

Das Tempo war verblüffend. In der Spitze bewegte sich der Meeresboden fünf Zentimeter pro Minute – fast eine halbe Million Mal schneller als der langfristige Durchschnitt des Rückens von etwa 6,3 Zentimetern pro Jahr – bevor es sich auf etwas mehr als einen Zentimeter pro Tag verlangsamte. Die wenigen Meter horizontaler Bewegung, gemessen innerhalb von Tagen, entsprechen 30 bis 60 Jahren gewöhnlicher Spreizung und bestätigen, dass der Meeresboden nicht in gleichmäßigem Kriechen, sondern in plötzlichen Sprüngen wächst, die das Team „Quanten“-Ereignisse nennt.

Die Messungen lösten zudem ein lange bestehendes Rätsel. Erdbeben allein hatten nie erklären können, wie schnell sich Rücken spreizen; hier verschoben sich die Störungen weit stiller, also aseismisch, als es ihre Beben vermuten ließen. Das liefert der Wissenschaft eine seltene Referenz, um seismische Aufzeichnungen andernorts zu deuten.

In einem begleitenden Kommentar in Nature merkten Ingo Grevemeyer und Lars Ruepke an, dass sich solche detaillierten Vermessungen der Tiefsee nun durchführen lassen, „wie es an Land bereits gelungen ist“. Für Royer „eröffnet das neue Horizonte für die Meeresgeophysik“.