2008 kehrten Biologen aus einem kaum erforschten Waldgebiet im Zentrum der Demokratischen Republik Kongo mit einer einzigen unscharfen Aufnahme zurück: ein schwarzer Affe, der zu keinem Eintrag in ihren Bestimmungsbüchern passte. Achtzehn Jahre später hat das Tier einen Namen.
Im Fachjournal PLOS One beschreibt ein Team um John Hart von der Lukuru Wildlife Research Foundation in Kinshasa die Art als Colobus congoensis. Fachleute zählen sie als erst fünfte Affenart, die in den vergangenen 75 Jahren in Afrika formal beschrieben wurde — ein seltenes Ereignis in einer Ordnung, zu der auch der Mensch gehört und die gründlicher durchforstet ist als fast jeder andere Zweig der Säugetiere.
Das Fell ist glänzend und nahezu vollständig schwarz. Unverwechselbar macht die Art ihr Gesicht: Ein unbehaarter, rosa bis orangefarbener Hautfleck umgibt den Mund und reicht bis an die Unterkante der Nasenflügel, ähnlich einer Maske. Mit rund sieben Kilogramm ist sie kleiner als andere Stummelaffen, und ihre Stimme trägt weit — ein tiefer Brüllruf, fast den ganzen Tag über zu hören, erkennbar an der schnellen Pulsrate und am Grunzen zwischen den Rufsequenzen. In einigen Dörfern kennt man das Tier als „Likweli“ und als „kasaba nkoni“, den „Zweigschüttler“.
Den Durchbruch brachte lokales Wissen. Die Aufnahme von 2008 lag zunächst beiseite, während dasselbe Team einen anderen unbekannten Primaten dieser Wälder beschrieb, den 2012 vorgestellten Lesula. Die Spur wurde 2018 wieder aufgenommen, als der kongolesische Feldforscher Jean Pierre Kapale den schwarzen Affen bei Patrouillen mehrfach fotografierte und darauf beharrte, dass er der Wissenschaft unbekannt sei. Er behielt recht. In den Jahren danach dokumentierte die Gruppe 114 Sichtungen, zeichnete Rufe auf, sammelte DNA und untersuchte von Jägern beschlagnahmte Tiere.
Die Genetik hielt eine Überraschung bereit. Der nächste bekannte Verwandte, der Schwarze Stummelaffe Colobus satanas, lebt mehr als 1200 Kilometer entfernt im westlichen Zentralafrika; beide Linien trennten sich vor vier bis fünf Millionen Jahren — eine der frühesten bekannten Aufspaltungen innerhalb der Colobusaffen, wie Ko-Autorin Kate Detwiler von der Florida Atlantic University erläutert.
Benannt und schon bedroht
Das Verbreitungsgebiet umfasst offenbar nur rund 1700 Quadratkilometer östlich des Lomami-Flusses; die Art ist auf geschlossene Wälder auf lehmigem, nährstoffreichem Boden angewiesen. Hart schätzt den Bestand auf weniger als 1000 Tiere. Selten sei sie von Natur aus, nicht durch Bejagung dezimiert, sagt er — doch gejagt wird weiterhin, und Siedlungen dringen tiefer in das Becken vor. Das Team hat beantragt, die Art auf der Roten Liste als gefährdet einzustufen. Der größte Teil des bekannten Bestands liegt im Lomami-Nationalpark — keine Garantie für Sicherheit, warnt Terese Hart, die Direktorin der Stiftung.
Für Detwiler ist der Fund Triumph und Mahnung zugleich: eine Erinnerung daran, dass einige der seltensten Tiere der Erde verschwinden könnten, bevor überhaupt jemand von ihnen weiß.