Jahrzehntelang haben Ärztinnen und Ärzte die akute myeloische Leukämie (AML) vor allem über ihre genetischen Mutationen verstanden. Diese Mutationen bestimmen, wie der aggressive Blutkrebs eingeteilt wird, wie das Risiko einer Patientin oder eines Patienten beurteilt wird und welche Medikamente gewählt werden. Doch die Genetik hat nie vollständig erklärt, warum Menschen mit scheinbar ähnlichen Tumoren sehr unterschiedliche Verläufe nehmen können.
Eine große internationale Studie, die am 8. Juli 2026 in Nature erschienen ist, fügt eine ergänzende Perspektive hinzu. Ein Team um Seishi Ogawa und Yotaro Ochi von der Universität Kyoto sowie Sören Lehmann vom Karolinska-Institut in Schweden betrachtete nicht die DNA-Sequenz selbst, sondern die Art, wie das Genom verpackt ist — den Chromatin-Zustand, der darüber entscheidet, welche Gene eine Zelle aktivieren kann.
Sechzehn unterschiedliche Profile
Auf der Grundlage schwedischer und japanischer Patientinnen und Patienten stellte das Team die eCHROMA-Kohorte aus 1.563 neu mit AML diagnostizierten Menschen zusammen. Mithilfe von ATAC-seq, einer skalierbaren Methode zum Auslesen der Chromatin-Zugänglichkeit, und in Kombination mit Daten zu Genmutationen, Genaktivität, DNA-Methylierung und Histonmarkierungen zeigte sich, dass sich AML in 16 Untergruppen gliedert. Einige entsprechen bereits bekannten Formen der Erkrankung, während andere als neue Kategorien auftauchten, die der herkömmlichen genetischen Klassifikation entgangen waren.
Jede Untergruppe trug ihre eigene Signatur: charakteristische Mutationen, einen bestimmten Differenzierungszustand, Muster der Genaktivität und markante „Super-Enhancer" — regulatorische Schalter, die von Transkriptionsfaktoren angetrieben werden, welche für die normale Blutbildung zentral sind. Einzelzell-Analysen zeigten, dass jede Leukämiezelle innerhalb einer Untergruppe denselben Chromatin-Fingerabdruck teilt, und die Einteilung bestätigte sich, als sie an unabhängigen Patientengruppen geprüft wurde.
Der praktische Nutzen liegt in dem, was diese Karte ergänzt. Die auf Chromatin beruhenden Untergruppen sagten den Krankheitsverlauf sogar dann voraus, wenn das übliche genetische Risiko bereits berücksichtigt war, und sie waren mit bestimmten Medikamentenempfindlichkeiten verknüpft, von denen einige unerwartet waren. Zwei Patientinnen oder Patienten mit derselben Mutation könnten dennoch in unterschiedliche epigenetische Untergruppen fallen — mit unterschiedlichen Aussichten und unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten.
Die Autorinnen und Autoren beschreiben ihren Atlas als Ressource und noch nicht als fertiges Diagnosewerkzeug. Doch er bekräftigt einen hoffnungsvollen Wandel in der Krebsmedizin: Leukämie ist nicht einfach eine Erkrankung des Genoms. Das Epigenom parallel dazu zu lesen, könnte mit der Zeit einen präziseren, individuell zugeschnittenen Umgang mit einem nach wie vor schwer behandelbaren Krebs ermöglichen.