Auf den Gipfeln der Andenvulkane, oberhalb von 6.700 Metern, kann die Temperatur auf minus 60 Grad Celsius fallen, die Luft enthält noch etwa 44 Prozent des Sauerstoffs auf Meereshöhe, und zu fressen gibt es so gut wie nichts. Dort erwartet die Biologie kein Säugetier. Und doch lebt hier eine Maus, kleiner als eine Menschenhand – eine am 9. Juli in Science erschienene Studie erklärt nun, wie ihr das gelingt.

Die Andine Blattohrmaus, Phyllotis vaccarum, wurde 2020 zur Rekordhalterin, als Forschende ein Exemplar auf dem Gipfel des Llullaillaco fanden, eines 6.739 Meter hohen Vulkans an der Grenze zwischen Argentinien und Chile. Zuvor galten Großohrpfeifhasen im Himalaja als höchstlebende Säugetiere, rund 600 Meter tiefer. Die Maus lebt außerdem auf Meereshöhe an der Wüstenküste Chiles und in jeder Höhe dazwischen. Das verschafft ihr die größte Höhenspanne aller Säugetiere – und der Forschung eine eingebaute Vergleichsgruppe.

Genau die nutzte das Team. Beteiligt waren unter anderem der Evolutionsbiologe Jay Storz von der University of Nebraska–Lincoln, der vergleichende Physiologe Naim Bautista von der University of Oklahoma und der Biologe Grant McClelland von der McMaster University. Zwischen 2020 und 2023 fingen sie 167 Mäuse aus Hoch- und Tieflandgebieten der Zentralanden und setzten sie anschließend in Kammern, die die Kälte und die dünne Luft eines Gipfels nachbildeten.

Gebaut für die Kälte

Die Hochlandtiere verbrauchten mehr Sauerstoff als ihre Verwandten aus dem Tiefland und erzeugten deutlich mehr Körperwärme. Der Vorteil steckt in den Zellen: Die Mitochondrien in der Skelettmuskulatur zeigten eine höhere Atmungskapazität, sodass sauerstoffhungrige Prozesse auch dort weiterlaufen, wo Sauerstoff knapp ist. Für die Wärme sorgen zitternde Muskeln und braunes Fettgewebe. Die genetische Analyse verwies auf Veränderungen, die Energiestoffwechsel und Gefäßregulation bei dauerhaftem Sauerstoffmangel abstimmen, und deutete an, dass die Blutzellen zusätzliches Kohlendioxid speichern könnten – was das Risiko einer Hyperventilation in dünner Luft senken würde. „Sie richten praktisch ihre gesamte Stoffwechselmaschinerie darauf aus, eine konstante Körpertemperatur zu halten“, sagt Storz.

Die Genetik förderte noch etwas zutage, das nichts mit der Höhe zu tun hat: Sowohl Hoch- als auch Tieflandmäuse scheinen darauf eingerichtet, Substanzen aus giftigen Pflanzen zu entgiften – jene Kost, auf die Wüstentiere ausweichen, wenn sonst kaum etwas wächst.

Warum die Mäuse überhaupt so weit hinaufzogen, bleibt offen. Mumifizierte Überreste auf drei Vulkangipfeln, 2023 beschrieben, sprechen dafür, dass sie keine zufälligen Besucher sind, sondern echte Bewohner. Für McClelland reicht die Lehre über ein Nagetier hinaus: „Die Evolution überrascht uns immer wieder“, sagte er CBC News – wo man auf der Erde auch hinsehe, selbst an scheinbar lebensfeindlichen Orten, habe vermutlich irgendetwas einen Weg gefunden. Storz formuliert die körperliche Realität nüchterner: Anders als die Bergsteiger, die nach ihnen suchen, können Mäuse keine Gore-Tex-Jacken tragen.