Wer eine Höhlenwand berührt, sich beim Vorbeigehen abstützt oder dagegen niest, hinterlässt winzige Spuren seiner selbst. Dass solche Spuren Zehntausende Jahre überdauern können, haben Forschende nun erstmals nachgewiesen: In Höhlen in Spanien und Portugal fanden sie altes menschliches Erbgut direkt an den Wänden – teils dort, wo steinzeitliche Menschen Kunst schufen.
Die Untersuchung entstand im internationalen Projekt „First Art", das von Forschungsgruppen aus Spanien und Portugal geleitet wird, gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Partnern aus mehreren Ländern. Ursprünglich sollten die Proben nur das Alter und die chemische Zusammensetzung der Farbpigmente klären. Ein Bruchteil jeder Probe genügte, um zusätzlich nach DNA zu suchen.
Fünf Treffer unter 120 Proben
Von 120 entnommenen Proben lieferten nur fünf eindeutig altes menschliches Erbgut. Sie stammen aus der Escoural-Höhle in Portugal – darunter eine Kalzitkruste mit Pigment aus dem sogenannten Panel 11 – sowie aus der Covarón-Höhle in Nordspanien. Überraschend: Zwei dieser Proben enthielten keinerlei tierische DNA. Das deutet stark darauf hin, dass Menschen das Erbgut direkt hinterließen, etwa über Speichel oder Schweiß.
Besonders bemerkenswert ist, dass sich Erbgut auch an unbemalten Wandstücken fand, die eigentlich als Negativkontrolle gedacht waren. Das mindestens 2.000 Jahre, vermutlich deutlich ältere Material zeigt: Höhlenwände selbst können biologische Spuren über sehr lange Zeit bewahren.
Ein neues Werkzeug – mit offenen Fragen
Für die Archäogenetik eröffnet das eine neue Quelle. Bislang stützte sie sich vor allem auf Knochen und Zähne, die selten sind, oder auf Höhlensediment, in dem menschliche und tierische DNA vermischt sind. Nun rücken die Wände selbst als „genetisches Archiv" in den Blick – auch dort, wo keine Skelettreste erhalten sind.
Noch lässt sich das Erbgut aber keiner einzelnen Person und schon gar keinem bestimmten Künstler zuordnen. Und der Ansatz hat eine Kehrseite: Jede Probe greift in ein empfindliches Kulturerbe ein. Fachleute mahnen deshalb, sorgsam abzuwägen, welche Fragen eine Entnahme wirklich rechtfertigt. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Nature Communications.