Wie hält eine einzige Königin ein ganzes Volk unter Kontrolle? Bei Nacktmullen, den fast haarlosen Nagetieren aus Ostafrika, lautet die Antwort: mit einem Geruch. Ein internationales Team um den Neurobiologen Gary Lewin vom Max-Delbrück-Center (MDC) in Berlin berichtet im Fachjournal »Nature«, dass die Königin einer Kolonie einen flüchtigen Stoff namens Isopropylmyristat verströmt – und damit sämtliche anderen Weibchen vorübergehend unfruchtbar macht.
Nacktmulle zählen zu den wenigen Säugetieren, die wie Bienen oder Ameisen in festen Kolonien leben. Nur ein einziges Weibchen, die Königin, pflanzt sich fort; die übrigen Tiere graben Gänge, sammeln Futter und ziehen den Nachwuchs auf. Wie die Herrscherin ihre Alleinstellung durchsetzt, war lange rätselhaft. Dass Duftstoffe eine Rolle spielen könnten, lag nahe, weil Nacktmulle Angehörige der eigenen von fremden Kolonien am Geruch unterscheiden.
Mittels Massenspektrometrie fanden die Forschenden jene Substanz, die allein die Königin ausströmt. Für Menschen ist Isopropylmyristat geruchlos – die Nacktmulle aber nehmen es sehr wohl wahr: Mit funktionellem Ultraschall zeigte das Team, dass eigene Hirnregionen der Tiere auf den Stoff reagieren. Im Körper der Artgenossinnen hebt er den Spiegel des Hormons Prolaktin, das die Fruchtbarkeit dämpft, und hält zugleich den Progesteronwert niedrig. So bleibt außer der Königin kein Weibchen empfängnisbereit. Wie viel des Stoffs sie produziert, schwankt mit ihrem Fortpflanzungszyklus.
Dass der Duft selbst genügt, belegten die Wissenschaftler mit einem eindrücklichen Versuch: Stirbt die Königin, brechen normalerweise binnen Tagen heftige Kämpfe und Paarungen aus. Versprühte das Team dagegen täglich Isopropylmyristat in eine königinlose Kolonie, blieb es ruhig – der Konkurrenzkampf um die Nachfolge fiel aus. Erst als die Gabe endete, kehrte die Unruhe zurück.
Warum das mehr ist als eine Kuriosität
»Ein Wendepunkt«, urteilt die Verhaltensneurowissenschaftlerin Melissa Holmes von der Universität Toronto, denn die Studie kläre ein lange bestehendes Rätsel: warum in einem Volk nur ein einziges Weibchen Junge bekommt. Die übrigen stecken, wie es die Scripps-Forscherin Lisa Stowers beschreibt, in einer Art angehaltener Pubertät.
Nacktmulle sind für die Medizin ohnehin hochinteressant: Sie werden für Nagetiere ungewöhnlich alt – bis zu 30 Jahre –, erkranken so gut wie nie an Krebs und empfinden kaum Schmerz. Rund 450 der Tiere leben am MDC in nachgebauten Tunnelsystemen. Dass sich ihre komplexe Sozialordnung auf ein einzelnes Molekül zurückführen lässt, eröffnet nun einen neuen Zugang zu der Frage, wie Gerüche Verhalten und Fortpflanzung bei Säugetieren steuern.