Erstmals haben Chemiker die entscheidenden molekularen Bausteine von Neosorangicin A hergestellt, einem Naturstoff, der seit Langem als vielversprechende Waffe gegen resistente Bakterien gilt, sich im Labor aber als viel zu komplex erwies. Das Team um Professor Dieter Schinzer an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg berichtet über den Fortschritt im Fachjournal Chemistry – A European Journal – und räumt damit eine der größten Hürden auf dem Weg zu einem künftigen Reserve-Antibiotikum aus.
Statt das gesamte verwickelte Molekül in einer durchgehenden Abfolge aufzubauen, nutzten die Forschenden ein Verfahren namens Relais-Synthese: Sie fertigten zunächst die schwierigsten Abschnitte einzeln als Zwischenstufen, ehe sie sie auf dem Weg zum vollständigen Wirkstoff zusammenfügten. Dass die einzelnen Bausteine nun existieren, wiegt dabei weniger schwer als der Nachweis, dass sich überhaupt ein gangbarer Weg zu ihrer Herstellung zeigen lässt – eine Vorlage, der andere Labore folgen können.
Warum das zählt
Neosorangicin A ist ein Sekundärmetabolit, ein Stoff, den im Boden lebende Myxobakterien produzieren, um sich konkurrierender Mikroben zu erwehren. Er blockiert die bakterielle RNA-Polymerase, jenes Enzym, das Bakterien brauchen, um ihr Erbgut zu kopieren und sich zu vermehren. Entscheidend: Frühere Studien zeigten Wirkung gegen gramnegative Erreger – Bakterien mit einer zusätzlichen äußeren Hülle, die viele vorhandene Mittel abweist und die Kliniken weltweit schwer zu behandeln finden.
Reserve-Antibiotika sind jene Mittel, die man für Infektionen zurückhält, die auf Standardtherapien nicht mehr ansprechen; der Nachschub an neuen ist seit Jahrzehnten dünn, während sich Resistenzen ausbreiten. Natürliche Moleküle wie Neosorangicin A sind gerade deshalb attraktiv, weil ihre Strukturen den Bakterien fremd sind – doch dieselbe Komplexität hielt sie bislang außer Reichweite der Chemie.
Bis aus Laborbausteinen ein zugelassenes Medikament wird, sind noch Jahre weiterer Synthese, Tests und Studien nötig. Was die Magdeburger Arbeit liefert, ist ein glaubwürdiger Ausgangspunkt – der Beweis, dass sich einer der widerspenstigsten Antibiotika-Kandidaten der Natur im Prinzip von Menschenhand herstellen lässt.
