An einer Wetterstation an der Nordwestspitze von Ellesmere Island bestand das Frühwarnsystem für Eisbären bislang darin, dass ein Mensch aus dem Fenster schaute. „Man kann eben nur in eine begrenzte Zahl von Richtungen gleichzeitig blicken“, sagte Elbert Bakker von der Non-Profit-Organisation Polar Bears International dem Sender CBC News.
Anfang dieses Jahres übernahm ein Radar das Hinsehen. Das System – unvermeidlich „Bear-dar“ getauft – erfasste ein ausgewachsenes Weibchen mit zwei Jungtieren, die sich der Station von Environment and Climate Change Canada in Eureka, Nunavut, näherten, und alarmierte die Belegschaft. Die Mitarbeitenden geleiteten die Tiere mit Fahrzeugen vom Lager weg zurück aufs Meereis und verfolgten sie anschließend per Kamera. Am Tag darauf wurden die Bären bei der Robbenjagd aufgezeichnet. Laut Polar Bears International hat die Technik damit zum ersten Mal einen möglichen Konflikt mit Eisbären verhindert; zuvor hatte sie lediglich Wölfe gemeldet.
Genau darum geht es, und zwar in beide Richtungen. „Mit einem Frühwarnsystem sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bär getötet wird, weil er jemanden überrascht hat“, sagte Alysa McCall, wissenschaftliche Leiterin der Organisation.
Einem Radar beibringen, wie ein Bär aussieht
Entwickelt wurde das Werkzeug gemeinsam mit Spotter Global, einer US-Firma, die aus der Sicherheits- und Militärsensorik kommt. Radarpaneele von etwa der Größe eines iPads tasten einen Bereich von einigen Hundert Metern bis rund 1,2 Kilometern ab, gekoppelt an Kameras, die mitschwenken und auf alles Bewegte heranzoomen – so kann ein Mensch überprüfen, was die Maschine gefunden zu haben glaubt. Die Warnungen lassen sich aufs Telefon oder per E-Mail schicken oder mit einem Blitzlicht oder einem Geräuscherzeuger verbinden, um einen Bären aus der Ferne zu vertreiben, wie Geoff York, ein leitender Direktor der Organisation, erläutert.
Der schwierige Teil war die KI. „Es gibt nicht sonderlich viel Filmmaterial von Eisbären“, sagte McCall. Also brachte das Team das System in einen Zoo in Winnipeg und ließ den Algorithmus so lange Bären in Gefangenschaft beobachten, bis er sie von allem anderen in einer Landschaft unterscheiden konnte.
Der Bedarf wächst, weil das Eis schrumpft. Da sich das arktische Meereis zurückzieht, verbringen Bären mehr Zeit an Land auf Nahrungssuche und kommen damit den Menschen näher, die dort leben und arbeiten. Eureka ist die erste und nördlichste Installation; die Entwickler, die frühere Versionen im kanadischen Churchill erprobt haben, wollen das System nun so günstig machen, dass arktische Gemeinden es übernehmen können – auch wenn Bakker einräumt, dass eine weiträumige Ortschaft ein schwierigeres Problem darstellt als eine einzelne Station.
