Ein einzelnes, seltenes Fossil, aus dem Bett eines längst verschwundenen Sees in Neuseelands Central Otago geborgen, bringt Wissenschaftler dazu, den Stammbaum der bemerkenswerten Vogelwelt des Landes neu zu zeichnen. Der Fund – eine urzeitliche Gans – kippt eine jahrzehntealte Annahme darüber, woher eine der auffälligsten Linien der Inseln stammt.

An den Fossillagern von St. Bathans sind Wasservogelknochen zahlreich, Gänsereste dagegen selten. Ein Team unter Federführung der University of Otago untersuchte gemeinsam mit dem Museum of New Zealand Te Papa Tongarewa und der University of Cambridge jeden zuvor als Gans katalogisierten Knochen neu und verglich ihn mit heutigen und fossilen Wasservögeln. Das Ergebnis, veröffentlicht im Fachjournal Historical Biology: Das Exemplar gehört zu einer bislang unbekannten Art, die die Forschenden Meterchen luti tauften – sinngemäß „Mutter Gans aus dem Schlamm".

Die Überraschung liegt in ihrer Verwandtschaft. Lange galt die St.-Bathans-Gans als direkter Vorfahr der riesigen, flugunfähigen Cnemiornis-Gänse, die bis in jüngste Zeit in Neuseeland überlebten – was eine ununterbrochene lokale Linie über mindestens 14 Millionen Jahre nahelegte. Die neue Analyse durchtrennt diese Kette. Meterchen luti war mit jenen Riesen gar nicht eng verwandt, auch nicht mit ihrem australischen Verwandten, der Hühnergans. Ihre eigene Linie erreichte das urzeitliche Zealandia vor mehr als 14 Millionen Jahren – und starb dann aus, ohne Nachkommen zu hinterlassen.

Warum das zählt

Der Vogel lebte vor etwa 14 bis 19 Millionen Jahren, im frühen bis mittleren Miozän, am Ufer eines riesigen Gewässers namens Lake Manuherikia. Diese verlorene Welt war weit wärmer als das heutige Neuseeland und beherbergte Krokodilverwandte, Schildkröten und Laubenvögel neben frühen Verwandten von Fledermäusen, Moa und Kiwi.

Das korrigierte Bild reicht über eine einzelne Gans hinaus. Es legt nahe, dass Neuseelands Vogelwelt nicht von wenigen uralten, vor Ort weiterentwickelten Linien geformt wurde, sondern von wiederholten Wellen aus Einwanderung, Aussterben und rascher Inselevolution – eine unruhigere, dynamischere Geschichte als die ordentliche Erzählung von langer, ununterbrochener Abstammung. Jedes aus dem Otago-Schlamm gezogene Fossil, so zeigt sich, kann ein Kapitel neu schreiben.