Ärztinnen und Ärzte rätseln seit Langem über eine unbequeme Beobachtung: Patientinnen und Patienten mit hohem Body-Mass-Index sprechen oft besser auf Immun-Checkpoint-Inhibitoren an, Krebsmedikamente, die das Immunsystem gegen Tumoren von der Leine lassen, als schlankere Patienten, und zwar bei Krebsarten wie Lungenkrebs und Melanom. Eine in Nature veröffentlichte Studie liefert eine beruhigende Neudeutung dieses "Adipositas-Paradoxons": Der Vorteil scheint nicht von überschüssigem Gewicht oder gestörtem Stoffwechsel zu stammen, sondern davon, was bestimmte Ernährungsweisen mit den Mikroben im Darm anstellen.
Ein Team um Lysanne Desharnais an der McGill University in Montreal wollte die menschliche Ernährung ungewöhnlich präzise abbilden und entwarf 12 Mausdiäten, die reale Muster nachahmen, darunter mediterrane, japanische, vegane, amerikanische und ketogene Kost sowie klassische fettarme, fettreiche und westliche Diäten. Nach 15 Wochen unterschieden sich die Tiere stark in Körpergewicht, Insulin und Leptin. Doch wie gut die Immuntherapie wirkte, passte kaum zu diesen Stoffwechselwerten.
Entscheidend war stattdessen die "Diät-Darm-Achse". Adipogene Diäten förderten eine robuste, dauerhafte mikrobielle Gemeinschaft, die Tumoren empfänglicher für die Behandlung machte. Wichtig: Der Effekt war übertragbar. Stuhltransplantationen von menschlichen Spendern mit hohem BMI verbesserten das Ansprechen bei Mäusen stärker als solche von Spendern mit normalem BMI, und schon ein kurzer Wechsel zu einer adipogenen Diät konnte die Empfindlichkeit bei Tieren wiederherstellen, die Mikroben eines Nicht-Ansprechers erhalten hatten.
Ernährung und Mikroben gemeinsam
Die Forschenden fanden, dass beide Faktoren im Zusammenspiel am besten wirken. Besiedelte man keimfreie Mäuse mit einer nützlichen Art, Lactobacillus johnsonii, und kombinierte dies mit der passenden Ernährung, ging der Tumor weit wirksamer zurück als bei jeweils nur einem der beiden, ein Effekt, der auf aromatische Aminosäure-Metaboliten der Mikroben zurückgeführt wurde, welche die Schlagkraft von T-Zellen schärfen.
Das Bild war differenziert und kein Freibrief für schlechte Ernährung. Eine mediterrane, an Olivenöl reiche Kost bewahrte ein "schlank" wirkendes Mikrobiom und blieb unwirksam, während eine Ernährung mit viel Pflanzenfaser Inulin sowohl schlank als auch wirksam war. Gerade diese Spezifität macht Hoffnung.
Die Autorinnen und Autoren mahnen zur Vorsicht: Langfristige adipogene Diäten bergen bekannte Gesundheitsrisiken und werden nicht als Therapie vorgeschlagen. Vielmehr weise die Arbeit auf "kurzfristige Ernährungsmodulation und auf spezifische Bakterien oder mikrobiell erzeugte Metaboliten" als praktikablen Weg hin, ein "optimales Wirtsökosystem" zu schaffen, damit mehr Patientinnen und Patienten aus verschiedensten Bevölkerungsgruppen von der Immuntherapie profitieren könnten.