Demenz gilt vielen als unabwendbares Schicksal des Alters. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) widerspricht dieser Sicht nun mit Nachdruck: Bis zu 45 Prozent des Erkrankungsrisikos gehen laut ihren neuen Empfehlungen auf Faktoren zurück, die Menschen selbst oder ihre Gesundheitssysteme beeinflussen können. Am 15. Juli veröffentlichte die Organisation in Genf aktualisierte Leitlinien zur Vorbeugung von kognitivem Abbau – die erste umfassende Überarbeitung seit 2019.
Weltweit leben nach WHO-Angaben rund 57 Millionen Menschen mit Demenz, jedes Jahr kommen fast zehn Millionen neue Diagnosen hinzu; die Alzheimer-Krankheit macht 60 bis 70 Prozent der Fälle aus. Ein Heilmittel gibt es weiterhin nicht. Umso stärker rückt die Vorbeugung in den Vordergrund – und hier hat sich die Beweislage seit 2019 nach Einschätzung der Fachleute erheblich verdichtet.
Was jetzt ausdrücklich empfohlen wird
Vieles, was der allgemeinen Gesundheit dient, schützt demnach auch das Gehirn: regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf Tabak sowie ein maßvoller Umgang mit Alkohol. Bluthochdruck, Diabetes und hohe Cholesterinwerte zählt die WHO ebenfalls zu den steuerbaren Risiken.
Neu ist der Stellenwert des sozialen Lebens. 2019 sah die Organisation noch keinen belastbaren Nachweis dafür, dass Kontakte das Demenzrisiko senken – heute empfiehlt sie soziale Aktivitäten ebenso wie geistige Anregung, etwa durch Lesen, Erzählen, Gedächtnistraining oder Gesellschaftsspiele. Erstmals rät sie zudem, Hörverlust mit Hörgeräten auszugleichen, weil dies kognitiven Einbußen vorbeugen kann. Auch sauberere Luft mit weniger Feinstaub – in Innenräumen wie im Freien – zählt sie neuerdings zur Hirngesundheit; Fachleute werten diesen Punkt als eine der wichtigsten Ergänzungen gegenüber der bislang stark auf Lebensstil und Herz-Kreislauf-System ausgerichteten Leitlinie.
WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte, man wisse heute mehr denn je darüber, was das Demenzrisiko antreibe; die Leitlinien übersetzten dieses Wissen in konkretes Handeln, das Länder sofort umsetzen könnten.
Warum das zählt: Die Empfehlungen sind keine Garantie, und ein Teil des Risikos bleibt unbeeinflussbar. Doch sie verschieben den Blick – weg vom bloßen Abwarten, hin zu Schritten, die sich in vielen Fällen ohnehin lohnen. Angesichts einer alternden Weltbevölkerung könnte selbst ein hinausgezögerter Krankheitsbeginn Millionen Menschen zusätzliche Jahre bei geistiger Gesundheit schenken.
