Für viele Menschen mit Anorexia nervosa – umgangssprachlich Magersucht – ist ausgerechnet das wichtigste Behandlungsziel die größte Hürde: an Gewicht zuzunehmen. Die Angst davor prägt den Alltag der Betroffenen und zählt zu den stärksten Vorhersagefaktoren dafür, wie eine Therapie verläuft und ob es zu einem Rückfall kommt. Ein Forschungsteam aus Tübingen setzt genau hier an – mit einer virtuellen Realität, in der Patientinnen und Patienten einen gesunden, normalgewichtigen Körper als den eigenen erleben können.

Entwickelt wurde die Anwendung von Wissenschaftlerinnen der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme. Schon früh im Behandlungsverlauf sollen Betroffene ausprobieren können, wie es sich anfühlen würde, ein gesundes Körpergewicht zu haben – betrachtet aus der Ich-Perspektive ebenso wie in einem virtuellen Spiegel. Der Ansatz orientiert sich an der Verhaltenstherapie: Ähnlich wie bei der Behandlung von Phobien werden die Betroffenen behutsam mit dem konfrontiert, was ihnen Angst macht.

Eine Besonderheit ist der dargestellte Körper selbst. Statt der oft unnatürlich wirkenden Figuren aus Computerspielen nutzt das Team ein digitales Körpermodell aus der Forschungsgruppe von Michael J. Black am Max-Planck-Institut, das auf tausenden Körperscans beruht. So lassen sich biometrisch stimmige Körper erzeugen und in Größe und Gewicht individuell auf die jeweilige Person abstimmen. Der Aufbau ist zudem tragbar und binnen zehn Minuten einsatzbereit – anders als die oft raumfüllenden VR-Installationen.

Erste Ergebnisse einer Pilotstudie

Die ersten Befunde erschienen in der Fachzeitschrift „Psychotherapy and Psychosomatics". Das Team um die Psychotherapeutin Simone Behrens prüfte die Methode in zwei Studien: zunächst mit 20 Frauen mit ausgeprägten Gewichts- oder Figursorgen, danach mit 20 Patientinnen mit diagnostizierter Anorexie, die vier jeweils halbstündige Sitzungen durchliefen.

Die Reaktionen der Patientinnen fielen sehr unterschiedlich aus. Knapp die Hälfte berichtete von hoher Anspannung, die rasch nachließ; etwa ein Drittel reagierte zunächst gelassen, empfand aber zunehmend Unbehagen, je mehr sie sich einließen; manche erlebten den Anblick gar nicht als belastend. Über die vier Sitzungen hinweg deutete sich bei den Anorexie-Patientinnen ein statistischer Trend an, dass die wiederholte Konfrontation die Angst vor der Gewichtszunahme verringert – mit großen Effektstärken. Bemerkenswert: Fast alle Teilnehmerinnen bezeichneten die virtuelle Erfahrung als sehr hilfreich für ihre persönliche Genesung.

Noch handelt es sich um Forschungsprototypen; Nutzen und Finanzierung müssen weiter geprüft werden, bevor die Technik breiter in Kliniken zum Einsatz kommen könnte. Als Nächstes will die Arbeitsgruppe genauer verstehen, was während der virtuellen Körperexposition tatsächlich wirkt. Angesichts von rund 460.000 Menschen mit einer diagnostizierten Essstörung in Deutschland – mehr als die Hälfte davon unter 18 Jahren – sieht Behrens großes Potenzial für technische Hilfsmittel in der Psychotherapie.