Fast jede zweite Person in Deutschland wäre bereit, Monat für Monat ein Prozent des eigenen Einkommens für wirksameren Klimaschutz beizusteuern. Politikerinnen und Politiker halten diesen Anteil für weitaus kleiner: Im Durchschnitt tippen sie auf lediglich rund 18 Prozent. Zwischen dieser Vermutung und der Realität – tatsächlich sind es fast 48 Prozent – klafft eine bemerkenswerte Lücke. Und diese Lücke, so legt eine neue Untersuchung nahe, könnte selbst zu einer Bremse für ambitionierte Klimapolitik werden.
Für die Studie befragten Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum und Timur Sevincer von der Leuphana Universität Lüneburg rund 1.600 Mandatsträgerinnen und Mandatsträger und stellten deren Einschätzungen den Antworten von mehr als 2.000 Bürgerinnen und Bürgern gegenüber. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Über nahezu das gesamte Parteienspektrum hinweg unterschätzen die politisch Verantwortlichen, wie viel Zustimmung wirksame Klimaschutzmaßnahmen in der Bevölkerung finden.
Größte Fehleinschätzung dort, wo es zählt
Am deutlichsten verschätzen sich die Befragten ausgerechnet bei den Maßnahmen, die am meisten bewirken würden: bei der Bereitschaft, verbindliche Gesetze zu akzeptieren, und beim eigenen finanziellen Beitrag. Die Zustimmung zu wirksamen Klimagesetzen wurde von den Abgeordneten um mehr als ein Viertel der Antwortskala zu niedrig eingeschätzt. „Die größte Wahrnehmungslücke fanden wir nicht bei der Frage, ob der Klimawandel ein Problem ist“, betont Hofmann – sondern dort, wo Menschen selbst mit anpacken oder ehrgeizigere Regeln mittragen müssten.
Auch die Bürgerinnen und Bürger selbst lagen mit ihren Schätzungen daneben, kamen der Wirklichkeit aber deutlich näher als die Politik. Hinter dem Muster steht ein lange bekanntes sozialpsychologisches Phänomen, die sogenannte pluralistische Ignoranz: Eine Mehrheit nimmt fälschlich an, die meisten anderen dächten anders als sie selbst.
Warum das mehr ist als eine akademische Fußnote? Frühere Forschung zeigt, dass Politik sich nicht nur an eigenen Überzeugungen orientiert, sondern auch an dem, was sie für den Willen der Wählerschaft hält. Ist dieses Bild verzerrt, kann ehrgeiziger Klimaschutz riskanter erscheinen, als er es an der Wahlurne wäre. Die eigentliche Hürde, so folgern die Forschenden, sei womöglich nicht fehlende Unterstützung – sondern der irrige Glaube, sie fehle. Die gute Nachricht steckt genau darin: Der gesellschaftliche Rückhalt ist längst da. Er muss nur richtig gesehen werden.