Auf Streaming-Plattformen stammt inzwischen ein erheblicher Teil neuer Musik aus dem Computer: Der Dienst Deezer meldete im April, dass 44 Prozent der neu eingelieferten Titel KI-generiert seien; Apple Music spricht von mehr als einem Drittel „vollständig durch KI" erzeugter Uploads. Bislang konnten Hörerinnen und Hörer kaum erkennen, was von Menschen und was von einer Maschine stammt. Das soll sich nun ändern.
Zahlreiche Dachverbände und Interessenvertretungen der internationalen Musikbranche – darunter der Weltverband IFPI, die US-Organisation RIAA, die europäische Indie-Vereinigung IMPALA, die Grammy-Akademie sowie die Schauspielgewerkschaft SAG-AFTRA – haben sich auf einen einheitlichen, freiwilligen Standard zur Kennzeichnung geeinigt. Auch der deutsche Bundesverband Musikindustrie (BVMI) trägt ihn mit. Künftig sollen zwei Labels Klarheit schaffen: „KI-generiert" und „KI-unterstützt".
Als KI-generiert gilt eine Aufnahme dem Standard zufolge schon dann, wenn zentrale kreative Bestandteile – etwa der Leadgesang oder wichtige Instrumentalspuren – per Prompt erzeugt wurden; ein komplett automatisch produzierter Song ist dafür nicht nötig. Das Label „KI-unterstützt" kennzeichnet dagegen Aufnahmen, die im Wesentlichen von Menschen eingespielt wurden und Ausdruck menschlicher Kreativität bleiben, aber einzelne KI-Elemente enthalten. Die Kennzeichnung ist auf breite, weltweite Übernahme durch Streamingdienste angelegt und soll sich mit der Technik weiterentwickeln.
Warum das zählt
Der Schritt zielt auf ein wachsendes Vertrauensproblem. Ohne Kennzeichnung verschwimmt für das Publikum die Grenze zwischen menschlicher und maschineller Schöpfung – und Musikerinnen und Musiker konkurrieren unsichtbar mit einer Flut automatisch erzeugter Titel. Transparenz gibt Hörenden die Möglichkeit, bewusst zu wählen, und stärkt den Wert menschlicher Arbeit. Lücken bleiben: Songtexte, Cover und Musikvideos erfasst der Standard bisher nicht, ein Text darf also vollständig aus der KI stammen, ohne ausgewiesen zu werden. Und weil die Labels freiwillig sind, hängt ihre Wirkung davon ab, wie konsequent die Plattformen sie umsetzen. Doch als erster branchenweiter Konsens markiert die Einigung einen Wendepunkt – weg vom Verschleiern, hin zu offenem Umgang mit der neuen Technik.
