Wer heute durch eine Streaming-App scrollt, hat keine verlässliche Möglichkeit zu erkennen, ob ein Stück von Menschen geschrieben und eingespielt oder von Software erzeugt wurde. Die Musikindustrie will diese Frage nun mit zwei kleinen Symbolen klären.

Am 10. Juli stellte ein Bündnis aus IFPI und RIAA, den Indie-Verbänden A2IM, WIN und IMPALA, den Grammys, der Gewerkschaft SAG-AFTRA sowie der Human Artistry Campaign ein gemeinsames System vor, um generative KI in Tonaufnahmen zu kennzeichnen. Vorgesehen sind zwei Marker. Eine schwarze Kachel mit einem großgeschriebenen „AI“ steht für eine KI-generierte Aufnahme: Der gesamte oder der wesentliche Teil der kreativen Substanz — etwa die Leadstimme oder die zentralen Instrumentalspuren — stammt aus der Maschine. Eine weiße Kachel mit kleingeschriebenem „ai“ markiert eine KI-unterstützte Aufnahme: im Kern menschliche Arbeit, Ausdruck menschlicher Kreativität, aber mit generativen Werkzeugen an einzelnen gestalterischen Stellen.

Der Bezugspunkt ist bewusst gewählt. Vorbild ist der vor mehr als 35 Jahren eingeführte Parental-Advisory-Aufkleber — ein Zeichen, schlicht genug, um auf einen Blick verstanden zu werden, und günstig genug, um es millionenfach anzubringen.

Genau die Größenordnung ist das Problem. Im April meldete der Streamingdienst Deezer, dass KI-generierte Titel 44 Prozent aller neu angelieferten Musik ausmachten. Apple Music erklärte, mehr als ein Drittel der hochgeladenen Titel sei vollständig KI-erzeugt.

Fans wollten wissen, ob und wie generative KI in der Musik eingesetzt wurde, die sie hören, erklärten IFPI-Chefin Vikki Oakley und RIAA-Chef Mitch Glazier in einer gemeinsamen Stellungnahme; die Kennzeichnung sei eine Frage der Transparenz, nicht des Verbots, und mit wachsender Verbreitung solle es mehr Informationen für das Publikum geben. Harvey Mason Jr., Chef der Grammys, der bereits KI-Regeln in die Richtlinien des Preises geschrieben hat, argumentiert, das System halte Urheberschaft und künstlerische Absicht sichtbar — und wer Künstlern die Möglichkeit gebe, diese Geschichte zu erzählen, stärke das Vertrauen.

Vorerst freiwillig

Die Grenzen des Vorhabens sind so aufschlussreich wie sein Anspruch. Die Kennzeichnung ist freiwillig. Das System sei so angelegt, dass es sich mit der Technik weiterentwickeln könne, heißt es. Und kein Streamingdienst hat sich auf einen Termin festgelegt, zu dem die Symbole beim Publikum ankommen — die Plattformen gehörten der Ankündigung nicht an, und ob die Marker je auf einem Handybildschirm erscheinen, liegt bei ihnen.

Erreicht hat das Bündnis etwas Engeres, aber nicht Belangloses: eine Verständigung zwischen großen und unabhängigen Labels, Interpretinnen und Interpreten und der Preisinstanz der Branche auf ein einheitliches Vokabular für eine Unterscheidung, die bisher jeder Dienst nach eigenem Gutdünken treffen — oder ignorieren — konnte.