In Teilen der chilenischen Atacama-Wüste kann es ein Jahrhundert lang kaum regnen, und das Grundwasser unter ihren Städten füllte sich zuletzt vor mehr als 10.000 Jahren auf. Doch dieselbe Küstenluft, die dem Boden den Regen vorenthält, trägt etwas Nutzbares heran: Nebel. Eine neue, ein Jahr lang laufende Feldstudie kommt zu dem Schluss, dass sich dieser Nebel „ernten“ ließe – nicht nur für vereinzelte Höfe, sondern für die Ränder einer wachsenden Stadt.
Getestet wurde die Idee in Alto Hospicio, einer rasch wachsenden Gemeinde im Norden Chiles, in der rund 10.000 Menschen in informellen Siedlungen leben. Nur etwa 1,6 Prozent dieser Haushalte sind an Wassernetze angeschlossen; die meisten werden per Lastwagen beliefert. Die Ergebnisse erscheinen im Fachblatt Frontiers in Environmental Science.
Nebelfänger sind bewusst einfach gebaut: Ein zwischen zwei Pfosten gespanntes Netz fängt die vom Wind getragenen Tröpfchen ab, die in eine Rinne und weiter in Speichertanks laufen. Das System arbeitet passiv und braucht keinen Strom. Auf einer Fläche von 100 Quadratkilometern rund um die Stadt maß das Team Erträge zwischen 0,2 und 5 Litern Wasser je Quadratmeter und Tag; im saisonalen Höhepunkt, im August und September 2024, waren es bis zu 10 Liter je Quadratmeter.
Von der Notlösung zur Stadtversorgung
„Diese Forschung markiert einen deutlichen Wandel in der Wahrnehmung der Nebelwassernutzung – weg von einer ländlichen, eher kleinen Lösung hin zu einer praktikablen Wasserquelle für Städte“, sagte Virginia Carter Gamberini von der Universidad Mayor, eine der Hauptautorinnen. Nach den Zahlen der Studie könnte eine Netzfläche von rund 17.000 Quadratmetern etwa 300.000 Liter pro Woche für die ärmsten Viertel der Stadt liefern.
Der Ansatz hat klare Grenzen. Der Nebel ist saisonal, etwa von Mai bis Oktober, die besten Sammelstellen liegen oberhalb und außerhalb der Stadt, und Speicherung wie Verteilung erforderten eine Infrastruktur, die es noch nicht gibt. Doch dort, wo jeder Liter kostbar ist, deutet die Studie eine bescheidene, technisch einfache Methode neu – als etwas, womit eine Stadt planen kann, statt bloß zu improvisieren.
