Wer einen Menschen mit Demenz pflegt, verliert ihn oft, während er noch lebt: Die vertraute Persönlichkeit verblasst, Rollen kehren sich um, und schon vor dem Tod stellt sich Trauer ein. Fachleute sprechen von vorweggenommenem Abschiedsschmerz. Eine neue Studie zeigt, dass ein einfaches digitales Werkzeug diese Last spürbar mindern kann.

Ein Team der University of Southern California und der Weill Cornell Medicine entwickelte dafür die Online-Plattform „Living Memory Home for Dementia Care Pairs". Sie lädt Erkrankte und Angehörige ein, gemeinsam in Erinnerungen einzutauchen – mit Fotoalben, autobiografischen Fragen und angeleiteten Schreibimpulsen, die das gemeinsam gelebte Leben Revue passieren lassen.

Für die im Fachjournal „JAMA Network Open" veröffentlichte Pilotstudie gewann das Team 68 pflegende Angehörige von Menschen mit Alzheimer oder einer anderen Demenz. Per Zufall wurde die Hälfte gebeten, zwei Wochen lang die vollständige Erinnerungsplattform zu nutzen; die Vergleichsgruppe erhielt eine abgespeckte Version, in der die gemeinsamen Rückschau-Elemente fehlten und stattdessen etwa ein persönliches Tagebuch möglich war.

Die Nutzerinnen und Nutzer der vollen Version berichteten anschließend von einem stärkeren Rückgang ihrer Trauersymptome. Zugleich fanden sich Hinweise darauf, dass sich das Verhältnis zwischen Pflegenden und Erkrankten verbesserte – dass Angehörige dem kranken Menschen mit mehr Wertschätzung und Respekt begegneten.

Ein Werkzeug, kein Algorithmus

Anders als KI-Programme, die hochgeladene Inhalte automatisch zu einem Erinnerungsbuch zusammenfügen, ist die Plattform als klinische Intervention gedacht – eine angeleitete, würdevolle Aktivität für beide Seiten. „Die Pflegenden haben es nicht mehr mit demselben Menschen zu tun", sagt Ko-Studienleiterin Holly Prigerson von Weill Cornell. Genau hier setzt das Werkzeug an: Es macht das gemeinsam Erlebte wieder greifbar und würdigt das Leben des Erkrankten.

Noch handelt es sich um eine kleine Pilotstudie, deren Ergebnisse in größeren Untersuchungen bestätigt werden müssen. Angesichts von Millionen pflegenden Angehörigen weltweit deutet sie jedoch auf einen niedrigschwelligen, kostengünstigen Weg hin, seelische Not zu lindern – dort, wo Medikamente oft nichts ausrichten.