Auf einer steilen Klippe der Insel Robinson Crusoe, die zum chilenischen Juan-Fernández-Archipel gehört, klammert sich ein etwa 150 Jahre alter Baum an den Fels. Er ist das einzige bekannte wild lebende Exemplar von Dendroseris neriifolia, einer baumförmigen Korbblütlerart. Damit er nicht abstürzt und die Art mit ihm verschwindet, haben Fachleute den Baum mit Seilen gesichert. Nun ist ein Rettungsversuch geglückt, der der Spezies zumindest eine Zukunft im Gewächshaus eröffnet.

Einst war Dendroseris neriifolia in den Tieflagen der Insel weit verbreitet. Eingeschleppte Ziegen, zerstörte Lebensräume, Feuer, Erosion und andere invasive Arten setzten dem Bestand jedoch massiv zu. In den 1980er Jahren waren nur noch acht Exemplare bekannt, spätere Wiederanpflanzungen scheiterten – und seit 2017 ist nur dieser eine Baum übrig geblieben, mit wenigen noch lebensfähigen Ästen.

In einer waghalsigen Aktion sammelte ein Team um den Botaniker Diego Penneckamp vom Garten VerdeNativo rund 400 Samen, indem es sie in Netze schüttelte. Die Ernte reiste anschließend an die Millennium Seed Bank der Royal Botanic Gardens im britischen Kew, wo sie im April 2026 eintraf. Röntgenaufnahmen zeigten allerdings, dass nur ein Bruchteil der Samen überhaupt keimfähig war: Von 29 näher untersuchten galten 25 als potenziell lebensfähig. Die vielen tauben Samen führen die Fachleute auf den genetischen Flaschenhals zurück, den die stark geschrumpfte Art durchlaufen musste.

17 der Samen lagern die Botaniker nun als Reserve in der Saatgutbank ein. Aus acht weiteren zogen sie tatsächlich Keimlinge: Fünf bleiben in Kew, drei gehen an den Royal Botanic Garden Edinburgh in Schottland. Ein weiteres junges Exemplar wächst bereits im Garten von VerdeNativo.

Für sich genommen ist es nur ein Baum – doch die Inseln von Juan Fernández zählen zu den Orten mit besonders vielen ausschließlich dort vorkommenden Arten. Jede gerettete Pflanze bewahrt ein Stück dieser einzigartigen Evolution. Gelingt es, aus den Keimlingen ausgewachsene, samentragende Bäume zu ziehen, hätte Dendroseris neriifolia erstmals seit Langem wieder eine realistische Überlebenschance.